Eine Dystopie über Mensch, Maschine und Freiheit
Im Jahr 2035 war niemand mehr arbeitslos.
Das Wort galt als grob, ungenau, fast beschämend. Es gehörte zu einer Zeit, in der Menschen noch geglaubt hatten, Arbeit sei der natürliche Mittelpunkt eines Lebens. Man sagte freigestellt.
Man sagte, ein Mensch sei von Notwendigkeit befreit worden, von Mühsal, Wiederholung, Gefahr und Erschöpfung. Die Nachrichten nannten es einen zivilisatorischen Fortschritt. Die Regierungen sprachen von einer neuen Würde des Menschen. Die Konzerne sprachen von Effizienz. Die Städte sprachen kaum noch.
Sie funktionierten.
Jonas Reuter war seit acht Monaten freigestellt.
Er stand am Fenster seiner Wohnung im Sektor 8 der Rhein-Mosel-Zone und sah hinunter auf den Innenhof. Unter ihm lag einer jener neuen 15-Minuten-Sektoren, wie sie seit den Pandemiejahren in den modernen Industrieländern entstanden waren. Alles, was ein Mensch zum Leben brauchte, lag in erreichbarer Nähe. Jonas konnte vom Fenster aus die Ernährungsstation sehen, den Eingang zur Klinik, die gläserne Kuppel des Bewegungsraums und, dahinter, das Zentrum für Orientierung und Teilhabe. Niemand musste pendeln. Niemand musste weit gehen. Niemand musste lange warten. Wer die Zone nicht verlassen wollte, konnte ein ganzes Leben in einem Kreis von wenigen Straßen verbringen.
Sechzig Prozent der Bevölkerung lebten inzwischen so. Vielleicht waren es siebzig. Die Zahlen wechselten von Bericht zu Bericht, aber der Ton blieb immer derselbe: sicher, amtlich, unanfechtbar.
Jonas sah hinunter auf den Platz. Humanoide Lieferroboter bewegten sich in geraden, lautlosen Bahnen zwischen den Hauseingängen. Weiß, schlank, pünktlich, unermüdlich. Ihre Gesichter waren glatte Flächen mit zwei ruhigen Lichtpunkten; in ihren Brustfächern trugen sie Pakete, Medikamente und genormte Lebensmittel, die sie aus kleinen selbstfahrenden Lieferfahrzeugen entnommen hatten. Vor den Türen blieben sie stehen, hoben eine Hand zum Sensor, warteten auf die Identifikation des Empfängers, übergaben die Sendung und gingen weiter.
Niemand sprach mit ihnen.
Niemand bedankte sich.
Niemand musste ihnen den Weg erklären.
An der Ecke glitt eine autonome Kapsel an den Bordstein. Eine Frau stieg ein, ohne dem Fahrzeug ein Ziel zu nennen. Ihr Bürgerband hatte es längst übermittelt. Die Tür schloss sich. Die Kapsel fuhr ab, weich und geräuschlos, als schäme sie sich, Raum zu beanspruchen.
Über den Dächern schwebten Überwachungs- und Wartungsdrohnen. Sie erfassten die Zustandswerte des Sektors: Luftqualität, Feuchtigkeit, Aufenthaltsdichte, Temperatur, Geräuschpegel und Bewegungsmuster. Alles wurde gemessen. Alles wurde verglichen. Alles wurde verbessert.
Dort unten bewegte sich auch ein Reinigungsroboter in gleichmäßigen Bahnen über die Platten. Er war klein, rund, milchweiß und lautlos. Geriet ein trockenes Blatt in seine Bahn, hielt er nicht inne. Er erkannte es, ordnete es ein, hob es auf, verstaute es, fuhr weiter.
Kein Zögern.
Kein Ärger.
Kein Blick zum Himmel.
Jonas hob die Hand und berührte das Glas. Die Scheibe war warm, obwohl draußen ein kalter Wind ging. Das Gebäude glich Temperatur, Licht und Luftfeuchtigkeit selbstständig aus. Es wusste besser als seine Bewohner, wann ein Raum zu trocken, zu dunkel oder zu still wurde.
Zu still.
Das war der Zustand, den Jonas am schwersten ertrug.
Nicht die Einsamkeit. Einsamkeit hatte früher eine Grenze gehabt. Man konnte sie benennen, ihr widersprechen, jemanden anrufen, eine Tür öffnen, hinausgehen. Diese neue Stille kannte keine Grenze. Sie lag in den Wänden, in den gedämpften Schritten des Flurs, in der gleichmäßigen Luft, in den Geräten, die nur dann Geräusche machten, wenn es einen Grund dafür gab.
Es gab kaum noch grundlose Geräusche.
Auf dem Tisch hinter ihm stand der Kaffeeautomat.
Er hatte den Kaffee bereits bereitet, bevor Jonas entschieden hatte, ob er einen wollte. Die Maschine kannte seinen Schlaf, seinen Puls, die Qualität seiner letzten Atemphasen und den leichten Abfall seiner Bewegungsfrequenz seit dem Aufstehen. Sie hatte daraus geschlossen, dass ein dunkler, milder Kaffee mit reduzierter Bitterkeit angemessen sei. Er roch nach Kaffee, schmeckte beinahe nach Kaffee und enthielt exakt die Dosis Koffein, die seinem Schlafprofil entsprach.
Auf dem kleinen Feld über der Tasse stand:
Guten Morgen, Jonas.
Ihr Aktivitätsrhythmus zeigt leichte Verzögerung.
Koffeinprofil angepasst.
Früher hätte er diese Genauigkeit praktisch gefunden.
Heute empfand er sie als leise Kränkung.
Jonas sah die Meldung an. Dann zog er den Stecker.
Der Automat verstummte.
Die Stille danach war klein. Kaum mehr als ein fehlendes Summen. Und doch stand Jonas da, als habe er etwas Verbotenes getan. Nichts Großes. Nichts Mutiges. Nur etwas Eigenes.
Er schämte sich sofort. Nicht vor dem Gerät. Vor sich selbst.
Ein Mann von zweiundfünfzig Jahren, ehemaliger Geschichtslehrer, freigestellt, versorgt, gesund genug, um keine unmittelbare Sorge zu verursachen, stand in seiner Küche und empfand einen gezogenen Stecker als Handlung.
Das war lächerlich.
Oder der Anfang.
Er wusste es nicht.
Früher hatte er geglaubt, ein Mensch beginne dort, wo er widerspreche. Später hatte er gelernt, dass die meisten Menschen gar nicht widersprechen mussten, um verloren zu gehen. Es genügte, wenn alles für sie geregelt war. Wenn jede Unruhe eine Empfehlung bekam. Jede Müdigkeit eine Erklärung. Jeder Wunsch eine Kategorie.
Er hatte nicht bemerkt, wann seine Tage aufgehört hatten, Tage zu sein.
Sie waren zu Abfolgen geworden.
Schlafprofil. Aktivitätsfenster. Ernährungsanpassung. Gesprächsangebot. Kulturfreigabe. Ruhephase.
Nichts daran war grausam.
Gerade deshalb hatte es so lange gedauert, bis er die Grausamkeit darin spürte.
An der Wand öffnete sich das Bürgerfenster. Es tat das jeden Morgen um 07:00 Uhr, sofern keine Ruhephase empfohlen war.
Tagesübersicht.
Bürgerkonto: gedeckt.
Konsumkontingent: 71 % verfügbar.
Gesundheitsstatus: stabil.
Soziale Teilnahme: unter Durchschnitt.
Empfohlene Aktivität: Gesprächskreis „Übergang und Sinn“ um 10:30 Uhr.
Kulturelles Fenster: freigegeben.
Bewegungsradius: grüner Ring empfohlen.
Jonas las das Wort gedeckt.
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