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Der Transhumanismus als stiller Genozid der Menschlichkeit

Mit der Digitalisierung der Gesellschaft begann ein Prozess, der zunächst als Fortschritt erschien, dann jedoch durch Künstliche Intelligenz exponentiell beschleunigt, durch die Verbindung von KI und Robotik weiter verschärft und im Transhumanismus auf seine äußerste Konsequenz hin getrieben wurde. Was anfangs als technische Erleichterung, als Erweiterung menschlicher Möglichkeiten und als Befreiung von Mühsal begrüßt wurde, erweist sich bei näherem Hinsehen als tiefgreifende Umformung des Menschen selbst. Die Frage, die sich heute stellt, lautet nicht mehr nur, was Technik kann, sondern was aus dem Menschen wird, wenn Technik nicht länger Mittel bleibt, sondern zum Maßstab seines Selbstverständnisses aufsteigt.

Herbert Marcuse erkannte bereits, dass moderne Gesellschaften den Menschen nicht nur durch offenen Zwang, sondern ebenso durch Konsum, Anpassung und scheinbare Bedürfnisbefriedigung an das Bestehende binden.¹ Horkheimer und Adorno zeigten darüber hinaus, dass eine solche Gesellschaft die Vernunft selbst deformiert, indem sie sie auf Nutzen, Beherrschbarkeit und Anpassung reduziert.² Habermas machte sichtbar, wie die Lebenswelt durch systemische Zwänge kolonisiert und freie Verständigung schrittweise untergraben wird.³ Günther Anders schließlich ahnte früher als viele andere, dass der Mensch unter der Macht seiner eigenen Apparate Gefahr läuft, hinter seinen Produkten zurückzubleiben und sich selbst als Maß zu verlieren.⁴ Im digitalen Zeitalter hat sich dieser Befund radikal verschärft. Digitale Systeme binden den Menschen nicht mehr primär durch Verbot und Repression, sondern durch Komfort, Unterhaltung, Bedürfnislenkung und die Illusion unbegrenzter Wahlmöglichkeiten. So entsteht eine neue Form totaler Integration, in der Kritik, Negativität, Mündigkeit und Emanzipation nicht offen zerstört, sondern von den Mechanismen algorithmischer Anpassung absorbiert, entleert und unschädlich gemacht werden.

Gerade darin liegt die Voraussetzung des Transhumanismus. Denn der Transhumanismus erscheint auf den ersten Blick als Verheißung: als Überwindung von Krankheit, Alter, Schwäche und Tod, als Fortschritt des Menschen über sich selbst hinaus. In seinen radikaleren Formen verspricht er nicht weniger als die technische Neuschöpfung des Menschen: einen Menschen, der seine natürlichen Grenzen hinter sich lässt, seinen Körper optimiert, seine Lebensspanne ausdehnt, seine kognitiven Fähigkeiten steigert und sich schließlich in eine neue Stufe des Daseins erhebt.⁵ Doch hinter dieser glänzenden Oberfläche verbirgt sich eine Bewegung, deren Tragweite erst langsam sichtbar wird. Denn wo der Mensch nicht mehr als endliches, verletzliches, leibliches und auf Beziehung angewiesenes Wesen verstanden wird, sondern als optimierbares Projekt, beginnt eine Entwicklung, die man mit Recht als einen stillen Genozid der Menschlichkeit bezeichnen kann.

Diese Formulierung ist hart, doch sie verweist auf einen realen Sachverhalt. Nicht der biologische Mensch soll dabei notwendig vernichtet werden. Vernichtet werden soll vielmehr das, was seine Menschlichkeit im Innersten ausmacht: seine Verwundbarkeit, seine Grenzen, seine Angewiesenheit, seine moralische Freiheit, seine Fähigkeit zu Mitleid, Reue, Erinnerung, Besonnenheit und Verantwortung. Der Genozid der Menschlichkeit vollzieht sich nicht mit Waffen, nicht in Lagern und nicht durch offenen Terror. Gerade darin liegt seine Gefährlichkeit. Er tritt als Heilung auf, als Verbesserung, als technische Befreiung, als Optimierung des Lebens. Er spricht die Sprache des Fortschritts, während er im Innersten eine Abkehr vom Menschlichen vorbereitet.

Denn indem der Mensch dazu erzogen wird, seine Endlichkeit nur noch als Defekt, seine Leiblichkeit nur noch als unvollkommene Vorstufe und seine Seele nur noch als störanfälligen Rest zu betrachten, wird ihm schrittweise die Achtung vor sich selbst genommen. Was nicht optimierbar ist, verliert an Wert. Was sich nicht messen, steigern oder funktional einpassen lässt, gerät unter Rechtfertigungsdruck. So wird das Menschliche nicht frontal zerstört, sondern langsam entwürdigt, umgeformt und ausgehöhlt. Byung-Chul Han hat beschrieben, wie im digitalen Kapitalismus eine Form der Macht entsteht, die nicht mehr primär verbietet, sondern antreibt, optimiert und das Subjekt zur freiwilligen Selbstanpassung bringt.⁶ Gerade diese Struktur ist für den Transhumanismus entscheidend: Der Mensch wird nicht mit Gewalt gezwungen, sich zu überschreiten; er lernt vielmehr, seine Selbstüberschreitung als Freiheit zu begehren.

Damit verändert der Transhumanismus nicht nur die Mittel des Lebens, sondern den Maßstab, an dem Leben überhaupt noch bewertet wird. Würde weicht der Leistung. Reife weicht der Optimierung. Charakter weicht der Funktionalität. Das gute Leben weicht der bloßen Steigerung von Effizienz, Kontrolle und Anpassungsfähigkeit. Der Mensch erscheint nicht mehr als Wesen, das in Wahrheit, Gerechtigkeit und Verantwortung hineinwachsen soll, sondern als technisch verbesserbare Übergangsform. In diesem Denken wird alles, was ihn bisher vor Hybris geschützt hat, zum Hindernis erklärt: Altern, Leiden, Schwäche, Sterblichkeit, ja selbst die Erfahrung von Abhängigkeit und Begrenzung.

Doch gerade in diesen Erfahrungen bildet sich die moralische Tiefe des Menschen. In ihnen entstehen Mitgefühl, Demut, Besonnenheit und Verantwortung. Wer sie beseitigen will, beseitigt nicht bloß Defizite, sondern die Bedingungen der Menschlichkeit selbst. Hans Jonas hat darauf hingewiesen, dass die technologische Zivilisation eine neue Ethik der Verantwortung erfordert, weil der Mensch mit seiner technischen Macht in Bereiche eingreift, die die Zukunft des Lebens selbst betreffen.⁷ Diese Einsicht ist im Blick auf den Transhumanismus von zentraler Bedeutung. Denn wer die Grundlagen des Menschseins technisch neu definieren will, greift nicht nur in Werkzeuge oder Verfahren ein, sondern in die normative Ordnung, innerhalb derer Würde, Freiheit und Verantwortung überhaupt erst Sinn gewinnen.

Der stille Genozid der Menschlichkeit beginnt also dort, wo der Mensch nicht mehr lernen soll, mit seiner Endlichkeit würdig umzugehen, sondern sie technisch abzuschaffen sucht. Er beginnt dort, wo Kinder schon in eine Welt hineinwachsen, in der nicht mehr gefragt wird, was ein gutes Leben ist, sondern nur noch, wie ein leistungsfähigerer, belastbarer, effizienterer Mensch hervorgebracht werden kann. Er beginnt dort, wo Verletzlichkeit als Mangel, Abhängigkeit als Schande und Unvollkommenheit als zu beseitigender Rest erscheinen. In einer solchen Welt verliert das Menschliche seinen Eigenwert und wird dem Gesetz der Optimierung unterworfen.

Günther Anders hat diesen Zusammenhang in prophetischer Weise vorausgeahnt. Für ihn bestand die Gefahr der technischen Moderne darin, dass der Mensch hinter seinen eigenen Produkten zurückbleibt, weil diese mächtiger, perfekter und wirksamer erscheinen als ihr Hervorbringer.⁴ Im Transhumanismus nimmt diese Bewegung eine neue Gestalt an. Der Mensch beginnt, sich selbst mit den Augen des Apparats zu betrachten. Er übernimmt jene kalte Logik, die nur noch fragt, was steigerbar, beschleunigbar und kontrollierbar ist. So wird der Mensch nicht mehr zum Maß der Technik, sondern die Technik zum Maß des Menschen. Genau darin liegt die eigentliche Katastrophe.

Adornos Begriff der Mündigkeit gewinnt in diesem Zusammenhang eine neue Schärfe. Mündigkeit bedeutet nicht bloß Informiertheit oder technische Kompetenz. Sie meint die Fähigkeit, sich nicht widerstandslos in vorgegebene Apparate einzufügen, sondern selbst zu denken, zu prüfen und Verantwortung zu übernehmen.⁸ Der Transhumanismus aber arbeitet, gerade in seiner kulturellen Vorform, an einer schleichenden Entmündigung. Er macht den Menschen glauben, dass er freier werde, je mehr er sich technisch optimiert, während er ihn zugleich immer stärker an Systeme bindet, die seine Bedürfnisse, seine Wahrnehmung und seine Selbstdeutung vorstrukturieren. Die versprochene Freiheit droht so zur Freiheit der Anpassung zu werden.

Auch Habermas’ Diagnose der Kolonialisierung der Lebenswelt lässt sich hier weiterführen. Wo digitale und biotechnologische Systeme in die intimsten Bereiche des Lebens eindringen, verändern sie nicht nur äußere Abläufe, sondern die Bedingungen des Selbstverhältnisses.³ Der Mensch begegnet sich selbst nicht mehr als Person in einer gemeinsamen Welt, sondern als Objekt von Messung, Berechnung und Verbesserung. Seine Beziehungen, seine Erinnerung, seine Körperlichkeit, seine Gesundheit und seine Reproduktionsfähigkeit werden technisch verwaltet, bewertet und normiert. Was als Selbstbestimmung auftritt, kann sich so in Wahrheit als tiefere Integration in eine technische Machtordnung erweisen.

Der Transhumanismus ist daher nicht einfach eine Fortsetzung des Humanismus mit anderen Mitteln. Er ist, in seiner radikalen Logik, dessen Umkehrung. Der Humanismus ging davon aus, dass der Mensch trotz seiner Begrenzung Würde besitzt. Der Transhumanismus setzt implizit voraus, dass der Mensch gerade wegen seiner Begrenzung überwunden werden müsse. Darin zeigt sich sein innerer Nihilismus. Er glaubt an die Machbarkeit des Besseren, verliert aber den Sinn für das Gute. Er verspricht Befreiung von Leiden, weiß aber nicht mehr, was ein Leben jenseits bloßer Funktionssteigerung bedeuten soll.

Gegen diese Entwicklung muss daran erinnert werden, dass Menschlichkeit nicht in Perfektion besteht, sondern in der Fähigkeit, mit Unvollkommenheit wahrhaftig, gerecht und verantwortlich umzugehen. Der Mensch ist nicht deshalb würdig, weil er fehlerlos, stark oder unsterblich wäre, sondern weil er trotz seiner Endlichkeit lieben, denken, leiden, hoffen und Verantwortung übernehmen kann. Wo diese Einsicht verloren geht, triumphiert nicht ein höheres Menschsein, sondern eine entseelte Form technischer Selbstüberschreitung.

Darum muss der Transhumanismus in seiner radikalen Konsequenz als das benannt werden, was er ist: nicht die Vollendung des Menschen, sondern die Gefahr seiner inneren Auflösung. Er ist kein unschuldiges Zukunftsprojekt, sondern die Zuspitzung einer Entwicklung, die mit der Digitalisierung begann, durch KI und Robotik beschleunigt wurde und nun in das Wesen des Menschen selbst eingreift. In diesem Sinn erscheint der Transhumanismus als stiller Genozid der Menschlichkeit: nicht weil er notwendig den biologischen Menschen auslöscht, sondern weil er das zerstört, ohne das der Mensch aufhört, menschlich zu sein.

Literaturangaben

¹ Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Neuwied/Berlin: Luchterhand, 1967.

² Max Horkheimer, Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, Frankfurt am Main: Fischer, 1967; Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main: Fischer, 1969.

³ Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, 2 Bde., Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1981; ders., Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1983.

⁴ Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München: Beck, 1956.

⁵ Yuval Noah Harari, Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen, München: C.H. Beck, 2017.
Für eine transhumanistische Gegenposition siehe auch: Nick Bostrom, Superintelligence. Paths, Dangers, Strategies, Oxford: Oxford University Press, 2014.

⁶ Byung-Chul Han, Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken, Frankfurt am Main: Fischer, 2014; ders., Im Schwarm. Ansichten des Digitalen, Berlin: Matthes & Seitz, 2013.

⁷ Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1979.

⁸ Theodor W. Adorno, Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959–1969, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1971; ders., Negative Dialektik, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1966.

 

(Dr. Thielen 2026)