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Unter Vorbehalt

Wenn Kontrolle zur Normalität wird

Leseprobe:

Kapitel 2: Die Bank-Filiale

Als Johannes die Bank-Filiale betrat, war es für einen Augenblick, als sei er in einen Raum getreten, der zwar noch denselben Namen trug wie früher, aber seinen Zweck bereits vergessen hatte.

Die Tür öffnete sich lautlos. Keine Klinke, nur ein matter Sensor, der auf seine Annäherung reagierte. Drinnen war es warm, fast zu warm, und von jener eigentümlichen Geruchlosigkeit, die neue Räume auszeichnete: kein Papier, kein Staub, kein Metall, kein Hauch von nassen Mänteln oder den abgetragenen Ledertaschen älterer Menschen, die ihre Unterlagen von Schalter zu Schalter trugen. Alles war hell, glatt und still. An der Wand liefen auf einem Bildschirm freundliche Hinweise in blauen und grünen Feldern.

Willkommen.

Einfach  Sicher  Persönlich

Johannes blieb einen Augenblick stehen, ohne recht zu wissen, weshalb. Vielleicht nur aus dem Gefühl heraus, daß man solche Räume nicht mehr einfach betrat; man wurde in ihnen bereits erfasst, noch ehe jemand einen angesehen hatte.

Früher hatte an dieser Stelle ein kleiner Windfang gelegen. Dahinter begann der eigentliche Schalterraum. Es hatte mehrere Plätze gegeben, nummeriert, mit Glas, Messingkante und einer geduldigen, manchmal mürrischen Sachlichkeit. Man zog eine Marke, wartete, trat vor, legte sein Sparbuch hin oder einen Überweisungsträger, zog Scheine aus der Brieftasche, zählte, fragte nach, bekam eine Quittung. Nichts daran war schön gewesen. Aber alles hatte eine Richtung gehabt. Der Raum war dazu da gewesen, ein Anliegen entgegenzunehmen.

Nun standen dort, wo einst die Schalter gewesen waren, zwei hohe Tische mit eingelassenen Bildschirmen und daneben eine Reihe gepolsterter Stühle in einem Grau, das ebenso gut in einer Zahnarztpraxis oder in der Lobby eines Versicherungsunternehmens hätte stehen können. Hinter einer Glaswand, die nicht mehr trennte, sondern ausstellte, saßen junge Menschen vor Laptops und trugen Headsets, obwohl niemand mit ihnen sprach. Über dem ehemaligen Kassenbereich stand in großen Buchstaben: BeratungsLounge.

Johannes nahm die Mütze ab und hielt sie in der Hand. Er war nicht zum ersten Mal hier, aber jedes Mal musste er sich neu daran gewöhnen, dass man in einem Raum, der so offen gestaltet war, nicht mehr wusste, wohin mit sich selbst.

Er wollte Geld abheben. Nicht viel. Dreihundert Euro. Genau dreihundert. Clara hatte am Morgen gesagt, man solle wieder etwas zu Hause haben, nicht aus Angst, nur für alle Fälle. Und Johannes hatte ihr, mehr beiläufig als feierlich, geantwortet, dass er es auf dem Rückweg erledigen werde. Es war kein großer Auftrag, doch gerade deshalb bekam er nun Gewicht.

Am Automaten neben dem Eingang stand eine junge Frau mit Kinderwagen. Sie hielt das Telefon in der einen, die Karte in der anderen Hand und versuchte, zugleich das Kind zu beruhigen, das sich mit halb empörtem, halb gelangweiltem Gesicht nach einem bunten Stofftier streckte, das vom Griff herabhing. Johannes wartete. Früher hätte man sich womöglich zugenickt. Nun vermied man es, einander überhaupt anzusehen, als könnten selbst Blicke die Intimität der Vorgänge stören, die hier nicht mehr zwischen Mensch und Mensch stattfanden, sondern zwischen Person und System.

Als die Frau fertig war und der Wagen in Richtung Tür rollte, trat Johannes vor den Automaten. Das Display erwachte augenblicklich.

Bitte Karte einführen oder kontaktlos legitimieren.

Er schob die Karte ein. Bitte PIN eingeben.

Er tat es. Bitte wählen Sie Ihren Vorgang.

Er drückte auf Bargeldauszahlung. Einen Moment geschah nichts. Dann erschien ein neues Fenster.

Aus Sicherheitsgründen ist die Bargeldauszahlung an diesem Gerät derzeit eingeschränkt. Bitte wählen Sie einen niedrigeren Betrag oder nutzen Sie unsere digitalen Services.

Johannes blinzelte. Er hatte dreihundert Euro eingegeben. Einen Augenblick glaubte er, sich vertippt zu haben. Er drückte auf Korrektur, gab den Betrag erneut ein, langsamer diesmal.

Wieder erschien derselbe Hinweis.

Hinter ihm ging die Tür auf. Zwei junge Männer kamen herein. Einer stellte sich direkt hinter ihn, ohne den Raum zu mustern, und zog bereits sein Telefon aus der Tasche. Johannes spürte die Ungeduld des anderen. Es war keine offene Feindseligkeit, nur jene stille Ungeduld der Gegenwart, in der jeder, der innehielt, augenblicklich wie ein Rest einer langsameren und weniger effizienten Welt erschien.

Er sah sich um. Niemand schien es bemerkt zu haben. Hinter der Glaswand sprach eine junge Frau in ein Headset und lächelte in einer Weise, die weniger einem Gegenüber galt als dem Bewusstsein, beobachtet werden zu können. Ein älterer Mann saß in einem der grauen Sessel und hielt ein Tablet auf den Knien, ohne es zu bedienen. Aus der Decke kam eine Musik, die keine Melodie hatte, nur eine Atmosphäre von Abwesenheit.

Johannes nahm die Karte heraus, steckte sie ein und ging zu dem Tresen, an dem auf einem kleinen Aufsteller stand: Wie können wir Ihnen heute helfen?

Es dauerte einige Sekunden, bis jemand kam. Dann trat ein junger Mann auf ihn zu, vielleicht Anfang dreißig, mit offenem Hemdkragen, schmalem Gesicht und jener professionellen Freundlichkeit, die jeden Einzelfall bereits in die Routine eingebettet hat, aus der sie kommt.

„Guten Morgen“, sagte er. „Kann ich etwas für Sie tun?“

Johannes nickte. „Ich wollte Geld abheben. Der Automat sagt, die Auszahlung sei eingeschränkt.“

„Haben Sie schon versucht, einen geringeren Betrag zu wählen?“

„Nein. Ich wollte den Betrag wählen, den ich brauche.“

Der junge Mann lächelte kurz, als sei darin etwas beinahe Liebenswürdiges.

„Darf ich fragen, wie hoch der Betrag war?“

„Dreihundert.“

„Ah.“ Wieder dieses knappe, glatte Lächeln. „Je nach

Kontomodell und individueller Sicherheitslogik kann es derzeit zu automatisierten Begrenzungen kommen.“

Johannes sah ihn an. „Individuelle Sicherheitslogik?“

„Das System prüft bestimmte Parameter in Echtzeit“, sagte der Mann und hob leicht die Hand, als wolle er der Erklärung einen technischen, aber harmlosen Charakter geben. „Das dient Ihrem Schutz.“

„Wovor schützt es mich, wenn ich mein eigenes Geld nicht in der Höhe abheben kann, in der ich es abheben möchte?“

Der junge Mann schien den Satz nicht als Angriff zu nehmen. Vermutlich war er schon daran gewöhnt und hörte nicht mehr den ganzen Satz, sondern nur noch dessen Einordnung in eine Kategorie von Kundenreaktionen.

„Es geht nicht gegen Sie persönlich, Herr …“

„Ferber.“

„Herr Ferber. Natürlich nicht. Das sind automatisierte Prozesse. Sie können alternativ am Servicepoint einen Termin vereinbaren oder die Auszahlung auf mehrere kleinere Vorgänge verteilen. Oder — falls es Ihnen nur um Zahlungsfähigkeit im Alltag geht — inzwischen ist die Nutzung digitaler Verfahren ja sehr komfortabel.“

Johannes hielt die Mütze noch immer in der Hand. Plötzlich fiel ihm auf, dass niemand sonst im Raum etwas in der Hand hielt, das nicht ein elektronisches Gerät war.

„Ich möchte keinen Termin“, sagte er. „Ich möchte Geld abheben.“

„Ja, natürlich.“ Der Mann nickte wieder. „Ich verstehe Ihren Wunsch. Aber Barauszahlungen werden inzwischen in bestimmten Konstellationen systemseitig bewertet. Das dient der Betrugsprävention und der allgemeinen Sicherheit.“

Johannes schwieg.

Es war nicht einmal der Inhalt, der ihn traf. Es war die Tonlage. Alles, was gesagt wurde, war höflich, vernünftig, in Teilen sogar erklärbar. Und doch hatte sich in den Sätzen etwas verschoben, das er zunächst nicht benennen konnte. Früher hatte eine Bank Geld verwahrt und auf Verlangen ausgehändigt. Nun sprach sie von Wunsch, von Konstellationen, von Bewertung, von Systemen, die in seinem Namen Sicherheit erzeugten, indem sie den Zugriff auf sein Eigentum vermittelten oder verhinderten.

„Ist das neu?“, fragte er schließlich.

„Die Optimierungen werden fortlaufend angepasst.“

„Dann ist es also neu.“

Der junge Mann legte den Kopf leicht schräg. „Es ist Teil eines modernen Sicherheitskonzepts.“

Hinter Johannes räusperte sich jemand, ungeduldig, bewusst hörbar. Er wandte sich nicht um.

„Dann eben zweihundert“, sagte er.

„Das müsste möglich sein.“

„Müsste?“

Zum ersten Mal entstand im Gesicht des Bankangestellten ein Hauch von Verlegenheit. Nur ganz kurz. Vielleicht, weil er merkte, dass das Wort verrutscht war.

„Sehr wahrscheinlich“, sagte er.

Johannes ging zurück zum Automaten. Diesmal gab er zweihundert ein. Das Gerät nahm sich wieder eine kleine, fast gekränkte Pause, als wolle es prüfen, ob es ihm diesen Betrag gewähren könne, und spuckte dann die Scheine aus. Zwei Hunderter wären ihm lieber gewesen, aber es kamen vier Fünfziger. Neue Scheine, glatt, fast widerstandslos.

Er nahm sie heraus, zählte nach, obwohl es kaum nötig war, und steckte sie in sein Portemonnaie. Dabei bemerkte er den Blick des jungen Bankangestellten auf seiner Hand, nicht misstrauisch, eher registrierend, wie man einen Vorgang verfolgt, für den das System selbst keinen Abschlussbildschirm anbietet.

„Alles in Ordnung?“, fragte der Mann.

Johannes schob das Portemonnaie zurück in die Innentasche seiner Jacke.

„Ja“, sagte er. „Noch.“

Der junge Mann lächelte, als habe er den Nebensatz überhört oder ihm nicht die Bedeutung beigemessen, die Johannes ihm selbst kaum zu geben wagte.

Draußen hatte der Regen eingesetzt. Fein nur, fast nur Luft mit Wasser darin. Johannes blieb unter dem Vordach stehen und sah die Scheiben der Filiale von außen an. Das Gebäude wirkte transparent, einladend, frei von allen Schweregraden der alten Welt. Man konnte alles sehen, und gerade deshalb schien nichts mehr greifbar. Die Menschen darin bewegten sich geräuschlos zwischen Bildschirmen und Sitzgruppen, als sei Geld nur noch ein Sonderfall allgemeiner Datenordnung.

Er dachte an Clara. Daran, dass er dreihundert hatte holen wollen und zweihundert mitbrachte. Es war keine Beeinträchtigung, die eine Ehe erschütterte. Und doch hatte er das Gefühl, dass gerade in dieser Kleinheit bereits die Demütigung lag: nicht der Betrag entschied über die Kränkung, sondern die Tatsache, dass seine Anweisung, sein Eigentum zu bekommen, nur noch als Bitte behandelt wurde.

Er dachte auch an Lukas, der in den letzten Wochen so sachlich vom Hauskauf gesprochen hatte — von Prüfungen, Bonität, digitaler Vorabfreigabe, Effizienz der Abläufe, der Entlastung durch automatisierte Prozesse. Vielleicht war dies die gleiche Sprache. Vielleicht war sie nicht einmal falsch. Vielleicht lag das Beunruhigende gerade darin, dass sie so vernünftig klang.

Johannes zog den Mantel enger und ging langsam die Straße hinab. In der Brusttasche spürte er das Portemonnaie als kleines, kaum merkliches Gewicht. Es beruhigte ihn weniger, als er gehofft hatte. Es war nicht das Geld, dachte er plötzlich, das aufgrund der Rezession knapper geworden war. Es war der selbstverständliche Zugriff darauf.

An der Ecke blieb er stehen, weil ein Lieferwagen halb auf dem Gehweg parkte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hing im Schaufenster eines ehemaligen Schreibwarenladens ein Plakat der Kreisverwaltung.

Gemeinsam in die digitale Zukunft

Darunter, in kleineren Buchstaben.

Einfacher  Sicherer  Teilhabe für alle

Johannes las die Zeilen zweimal. Dann ging er weiter.

Er wusste nicht, warum ihn der Vormittag mehr erschöpft hatte als andere. Es war nichts geschehen, das sich nicht hätte erklären lassen. Kein Verbot, keine Kränkung, keine offene Härte. Und doch war da dieses leise Gefühl, das ihn seit einiger Zeit häufiger begleitete: dass die Dinge nicht mehr verschwanden, indem man sie wegnahm, sondern indem man ihren Sinn veränderte. Früher, dachte er, war Geld etwas, das man besaß und ausgab. Nun wurde es mehr und mehr zu etwas, dessen Gebrauch unter Bedingungen stand.

Er ging langsamer. Der Regen lag feucht auf dem Mantel. Ein Bus fuhr vorbei, leer bis auf zwei Gestalten im hinteren Teil, beide mit gesenktem Kopf über ihren Bildschirmen.

Als er die Hand in die Manteltasche schob, stieß er auf die Scheine, die er eben abgehoben hatte. Er zog sie nicht heraus. Er berührte sie nur mit den Fingerspitzen, als wolle er prüfen, ob sie noch da waren oder ob bereits etwas anderes an ihre Stelle getreten sei, das denselben Wert trug, aber nicht mehr dasselbe bedeutete.

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