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Die Ordnung hinter dem Sichtbaren

(Gedanken eines Fragenden)

Es gibt Augenblicke, in denen der Mensch ahnt, dass sein Leben nicht erst dort beginnt, wo etwas sichtbar wird. Nicht in der Handlung, nicht im Wort, nicht im offen Geschehenen liegt sein eigentlicher Anfang, sondern in jenen stillen Regungen, die ihm oft kaum bewusst werden. Ein Gedanke steigt auf, leicht, fast unbemerkt, und schon trägt er mehr in sich als nur ein flüchtiges Bild. Er ist Bewegung. Er ist Richtung. Er ist eine Kraft, die das Unsichtbare formt, lange bevor das Sichtbare ihm folgt.

Der Mensch hält sein Denken gern für etwas Innerliches, beinahe Unverbindliches. Was er denkt, so meint er, gehe ihn selbst an und verwehe wieder, sobald Neues an seine Stelle tritt. Doch darin täuscht er sich. Kein Gedanke ist ganz verloren. Was gedacht wird, sinkt in den Menschen ein, ordnet oder verwirrt ihn, hebt ihn oder beschwert ihn, macht ihn weit oder eng. Und mehr noch: Es bleibt nicht bei ihm. Es wirkt hinaus, verbindet sich mit dem, was ihn umgibt, kehrt auf Wegen zurück, die der Verstand nicht mehr überschaut, und tritt ihm später als Erfahrung gegenüber.

So ist das Leben nicht nur das, was einem Menschen widerfährt. Es ist auch das, was in ihm lange vorbereitet wurde. Nicht jeder einzelne Umstand lässt sich auf einen Gedanken zurückführen, als wäre das Dasein ein mechanisches Rechenwerk. Doch das innere Leben des Menschen schafft Bedingungen. Es ruft herbei, es hält fest, es verstärkt, es widersteht. Zwischen dem, was geschieht, und dem, was im Menschen darauf antwortet, bildet sich jenes unsichtbare Gewebe, aus dem sein Schicksal allmählich hervortritt.

Darin liegt etwas Erhabenes, aber auch etwas Strenges. Denn wenn der Mensch mit an seinem Leben wirkt, kann er sich nicht mehr völlig als bloßes Opfer der Welt verstehen. Er ist nicht nur der Getroffene, sondern auch der Antwortende. Seine Angst antwortet anders als sein Vertrauen. Sein Groll anders als seine Liebe. Seine Verbitterung anders als seine Gelassenheit. Und jede dieser Antworten hinterlässt Spur. Alles, was er innerlich bejaht, alles, woran er sich bindet, alles, was er Tag für Tag in sich bewegt, wächst in seine Wirklichkeit hinein.

Das gilt vor allem dort, wo der Mensch die Gegenwart verlässt. Solange er einem Augenblick klar begegnet, solange er annimmt, was ist, ohne sich sofort darin zu verlieren, bleibt etwas in ihm frei. Doch wenn er beginnt, sich in Möglichkeiten zu verstricken, die noch nicht da sind, in Ängste vor dem Kommenden, in Bilder dessen, was hätte anders sein sollen, dann entsteht jene eigentümliche Schwere, die sein Wesen allmählich überzieht. Der Gedanke wird dann nicht mehr zu einem stillen Werkzeug der Erkenntnis, sondern zu einem Kreis, der sich um sich selbst schließt.

Aus solchen Kreisen wächst mit der Zeit ein zweites Leben im Menschen. Eines, das nicht mehr unmittelbar auf die Wirklichkeit antwortet, sondern sie durch Schichten von Sorge, Urteil, Erwartung und Widerstand hindurch wahrnimmt. Dann lebt der Mensch nicht mehr einfach in der Welt, sondern in seinen Vorstellungen von ihr. Er leidet nicht nur an dem, was ist, sondern an dem, was er fortwährend dazu erfindet. Das Wirkliche und das Vorgestellte beginnen sich zu vermischen, und je dichter dieses innere Geflecht wird, desto weiter entfernt er sich von dem stillen Mittelpunkt seines Wesens.

Denn in ihm lebt mehr als sein denkender Verstand. Unter allem Wechsel des Empfindens, unter aller Unruhe der Gedanken ruht eine tiefere Instanz, die man Seele nennen kann, wenn man dieses Wort nicht sentimental, sondern ernst nimmt. Sie ist nicht bloß Stimmung und nicht bloß Erinnerung. Sie ist die eigentliche Wesenheit des Menschen, jenes Innere, das nicht mit jeder Laune wechselt und nicht mit dem äußeren Ablauf des Lebens endet. Von dort her empfängt der Mensch jene Ahnung von Wahrheit, die sich nicht beweisen lässt und ihm doch gewisser ist als manches, was er mit Händen greifen kann.

Solange er mit dieser Tiefe verbunden bleibt, lebt er in einer stillen Führung. Nicht, dass ihm Leid erspart bliebe. Nicht, dass jede Entscheidung leicht würde. Aber etwas in ihm bliebe geordnet. Er müsste sich nicht mit Gewalt festhalten, nicht um jeden Preis behaupten, nicht ständig um sein Bild in den Augen anderer kämpfen. Er könnte leben, ohne sich fortwährend selbst herstellen zu müssen.

Doch eben diese Verbindung verliert der Mensch leicht. Er wächst in Verhältnisse hinein, die ihn früh lehren, sich von außen zu sehen. Er lernt, sich zu vergleichen, sich einzuordnen, sich zu verteidigen. Er misst sich an Rang, Besitz, Wirkung, Bestätigung. Langsam tritt an die Stelle des inneren Maßes ein fremdes. Er fragt nicht mehr: Was ist wahr? sondern: Wie wirke ich? Was verliere ich? Wo stehe ich? Was denken die anderen? Auf diese Weise wird das Ego zum heimlichen Mittelpunkt seines Daseins, und das Denken dient nicht länger der Erkenntnis, sondern der Sicherung eines fragilen Selbstbildes.

Von hier aus beginnt das eigentliche Elend. Denn das Ego verlangt unaufhörlich. Es will Recht behalten, anerkannt sein, sich gegen Kränkung schützen, Vorteile wahren, sich behaupten, sich rechtfertigen. Es lebt aus Mangel und kann darum keinen Frieden finden. Jeder Blick, jedes Wort, jede Veränderung der äußeren Ordnung wird für es zum Anlass neuer Unruhe. Was der Mensch dann denkt, ist kaum noch freies Denken. Es ist Abwehr, Vorsorge, Angst, Begehren, Misstrauen. So füllt sich sein Inneres mit Bildern, die ihn von seiner eigenen Wesenheit trennen.

Nicht selten sinkt diese Trennung tiefer. Sie bleibt nicht auf der Ebene der Stimmung. Sie berührt das leibliche Leben. Was sich innerlich verdichtet, was keinen Ausweg findet, was über lange Zeit in Angst, Konflikt oder Selbstverhärtung festgehalten wird, sucht Ausdruck. Der Mensch trägt seine Seele nicht neben dem Körper, sondern in ihm. Darum ist es nicht verwunderlich, wenn seelische Unordnung sich leiblich niederschlägt. Der Körper beginnt mitzuleiden an dem, was die Seele nicht lösen konnte.

Dies zu erkennen verlangt einen feinen Ernst. Es heißt nicht, den Leidenden anzuklagen. Es heißt auch nicht, jedes Schwere vorschnell zu deuten. Es heißt nur, dass das Leben tiefer zusammenhängt, als der Mensch gewöhnlich wahrhaben will. Nichts im Inneren bleibt ohne Resonanz. Jede dauerhafte Haltung prägt. Jeder Gedanke trägt seine Richtung in sich. Was in Liebe gehalten wird, ordnet sich anders als das, was in Angst festgehalten wird.

Darum beginnt die Wandlung nicht im Außen, sondern in einer anderen Weise des Sehens. Der Mensch wird frei, wenn er sich nicht länger vor sich selbst verbirgt. Wenn er bemerkt, was er wirklich denkt. Wenn er erkennt, wie sehr seine Unruhe aus seinen eigenen Bindungen stammt. Wenn er den Mut findet, seine Eitelkeit, seinen Stolz, seine Rechthaberei, seine Angst vor Verlust, seine heimlichen Erwartungen nicht mehr zu bemänteln. Nicht um sich zu verurteilen, sondern um durchsichtig zu werden.

Mit dieser Durchsichtigkeit wächst auch die Möglichkeit der Liebe. Denn Liebe ist mehr als Gefühl. Sie ist eine Ordnung. Sie beginnt dort, wo der Mensch nicht mehr alles auf sich bezieht. Wo er dem anderen erlaubt, zu sein. Wo er nicht sofort urteilt. Wo er nicht jeden Unterschied als Bedrohung empfindet. Wo er nicht besitzen, festhalten oder beherrschen will. In der Liebe tritt er aus der Enge seines Ego heraus. Er wird empfänglicher für das, was größer ist als er selbst.

Vielleicht ist dies das Entscheidende: dass der Mensch nicht gerufen ist, die Welt gewaltsam zu verändern, sondern zunächst seine Teilnahme an ihr zu läutern. Seine Gedanken, seine Haltungen, seine inneren Antworten. Denn in ihnen liegt bereits der Keim dessen, was später Gestalt annimmt. Das Schicksal beginnt nicht erst an der Schwelle des Ereignisses. Es beginnt im stillen Raum davor.

Und wenn der Mensch dies langsam erkennt, wird ihm auch die Gegenwart anders. Sie ist dann nicht mehr bloß Durchgang zu einer erhofften Zukunft oder Last einer beklagten Vergangenheit. Sie wird der einzige Ort, an dem seine Seele wirklich atmen kann. Hier entscheidet sich, ob er annimmt oder flieht, ob er vertraut oder sich verschließt, ob er aus seiner Tiefe lebt oder aus der Furcht seines Ego. Hier, im Unscheinbaren, im heute Gedachten, im stillen Ja oder Nein des Inneren, formt sich sein Weg.

So wird der Gedanke wieder ernst. Nicht als Last, sondern als Ursprung. Nicht als bloßes Mittel des Verstandes, sondern als schöpferische Kraft. Was der Mensch denkt, begleitet ihn. Was er liebt, ordnet ihn. Was er festhält, bindet ihn. Was er in Wahrheit erkennt, beginnt sich zu lösen. Und vielleicht besteht die eigentliche Reifung des Menschen darin, dass sein Denken eines Tages nicht mehr gegen das Leben arbeitet, sondern still mit jener Ordnung eins wird, aus der Leben überhaupt erst hervorgeht.

(Dr. Thielen 2009)