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Leseprobe:

2031 – Zone E-17

Eine Dystopie über Mensch, Maschine und Freiheit

1. Kapitel – Die Freigestellten

Im Jahr 2031 war niemand mehr arbeitslos.

Das Wort war abgeschafft worden.

Man sagte nicht mehr, ein Mensch habe seine Arbeit verloren. Man sagte, er sei freigestellt worden. Freigestellt von Notwendigkeit, freigestellt von Mühsal, freigestellt von Wiederholung, Gefahr und Erschöpfung. Die Nachrichten nannten es den größten zivilisatorischen Fortschritt seit der Erfindung des Ackerbaus. Die Regierungen sprachen von einer neuen Würde des Menschen. Die Konzerne sprachen von Effizienz. Die Städte sprachen überhaupt nicht mehr. Sie funktionierten.

Jonas Reuter stand barfuß in seiner kleinen Küche und wartete, bis der Kaffeeautomat das synthetische Kaffeegetränk in die Tasse laufen ließ. Es roch nach Kaffee, schmeckte beinahe nach Kaffee und enthielt exakt die Dosis Koffein, die seinem Schlafprofil entsprach. Früher hätte er diese Genauigkeit praktisch gefunden. Heute empfand er sie als eine leise Kränkung.

Auf dem Terminal an der Wand gegenüber erschien der morgendliche Hinweis der Stadtverwaltung.

Ihre Zone ist stabil.

Ihr Gesundheitswert liegt im Normbereich.

Ihr Konsumkontingent wurde aktualisiert.

Empfohlene Aktivität: soziale Teilnahme.

Jonas hob die Tasse, trank einen Schluck und trat ans Fenster.

Unter ihm lag Sektor 8 der Rhein-Mosel-Zone, eine der neuen 15-Minuten-Städte, wie sie seit der Pandemie überall in den modernen Industrieländern entstanden waren. Alles, was ein Mensch zum Leben brauchte, lag in erreichbarer Nähe: Wohnmodule, Ernährungszentren, Kliniken, Lernräume, Freizeitkuppeln, Bewegungsflächen, Beratungsstellen, Konsumhöfe. Niemand musste pendeln. Niemand musste einkaufen. Niemand musste warten. Wer die Zone nicht verlassen wollte, konnte ein ganzes Leben in einem Kreis von wenigen Straßen verbringen.

Siebzig Prozent der Bevölkerung lebten inzwischen so.

Zumindest behaupteten das die offiziellen Berichte.

Jonas sah hinunter auf den Platz. Humanoide Lieferroboter bewegten sich in geraden, lautlosen Bahnen zwischen den Hauseingängen. Weiß, schlank, pünktlich, unermüdlich. Ihre Gesichter waren glatte Flächen mit zwei ruhigen Lichtpunkten; in ihren Brustfächern trugen sie Pakete, Medikamente und genormte Lebensmittel, die sie aus kleinen, selbstfahrenden Lieferfahrzeugen entnommen hatten. Vor den Türen blieben sie stehen, hoben eine Hand zum Sensor, warteten auf die Identifikation des Empfängers, übergaben die Sendung und gingen weiter. Niemand sprach mit ihnen. Niemand bedankte sich. Niemand musste ihnen den Weg erklären. Auf dem Nachbargrundstück sank die Drohne eines großen Zulieferers auf eine markierte Plattform herab und öffnete ihren Frachtraum.

An der Ecke glitt eine autonome Kapsel an den Bordstein. Eine Frau stieg ein, ohne dem Fahrzeug ein Ziel zu nennen. Ihr Armband hatte es längst übermittelt. Die Tür schloss sich. Die Kapsel fuhr ab, weich und geräuschlos, als schäme sie sich, Raum zu beanspruchen.

Über den Dächern schwebten Wartungsdrohnen. Sie prüften Luftqualität, Feuchtigkeit, Aufenthaltsdichte, Temperatur, Geräuschpegel, Bewegung. Alles wurde gemessen. Alles wurde verglichen. Alles wurde verbessert.

Die Stadt war vollkommen.

Das war ihr Stolz.

Das war ihr Schrecken.

Jonas hatte zweiundzwanzig Jahre lang Geschichte unterrichtet. Er hatte Kindern erklärt, warum Reiche zerfielen, warum Revolutionen selten so begannen, wie sie später in Schulbüchern beschrieben wurden, und warum eine Gesellschaft am gefährlichsten war, wenn sie glaubte, sich selbst endgültig verstanden zu haben.

Dann war die Bildungs-KI gekommen.

Zuerst als Hilfe.

Dann als Ergänzung.

Dann als Entlastung.

Schließlich als Ersatz.

Die KI kannte jedes Kind genauer, als Jonas es je gekannt hatte. Sie erkannte Aufmerksamkeit, Müdigkeit, Stress, Abwehr, Begabung, Lücken, heimliche Interessen und stille Überforderung. Sie erklärte unendlich geduldig, passte jede Aufgabe an, vergaß nichts, wurde nie ungerecht und verlor nie die Geduld. Wenn ein Kind weinte, wusste sie, ob es Trost, Ruhe, Herausforderung oder eine neue Aufgabenform brauchte. Wenn ein Kind log, erkannte sie die Angst hinter der Lüge. Wenn ein Kind schwieg, füllte sie das Schweigen nicht mit Verlegenheit, sondern mit Daten.

Jonas hatte anfangs geglaubt, kein System könne einen Lehrer ersetzen.

Dann hatte er gesehen, dass es nicht darum ging, ihn als Menschen zu ersetzen.

Es ging darum, seine Funktion besser auszuführen.

An seinem letzten Schultag hatte man ihm in der Aula gedankt. Die Schulleitung war nicht mehr anwesend gewesen, nur eine Projektionsstimme der regionalen Bildungsverwaltung. Sie hatte seine Verdienste gewürdigt, seine Erfahrung, seine Empathie, seine langjährige Treue zum öffentlichen Dienst. Danach erhielt er eine digitale Urkunde, eine Übergangszahlung und den neuen Status: gesellschaftlich freigestellt.

Seitdem war er frei.

Frei aufzustehen, wann er wollte.

Frei, an Gesprächsrunden teilzunehmen.

Frei, die öffentlichen Kulturfenster zu nutzen.

Frei, Sprachen zu lernen, die niemand mehr von ihm verlangte.

Frei, Spaziergänge innerhalb des grünen Rings zu machen.

Frei, jeden ersten Tag des Monats sein Grundeinkommen zu empfangen.

Es reichte für die Wohnung, für Nahrung, Kleidung, Energie, medizinische Kontrolle, digitale Unterhaltung und ein begrenztes Konsumkonto. Jeder Freigestellte bekam dasselbe. Das war die neue Gleichheit. Wer keine Arbeit mehr hatte, sollte wenigstens keinen Anlass zum Neid haben.

Jonas wusste, dass Gleichheit auch eine Decke sein konnte, unter der alle gleich still lagen.

Auf dem Platz versammelten sich die ersten Bewohner. Ein Leuchtband am Boden wies ihnen den Weg zum Zentrum für Orientierung und Teilhabe. Dort begann um neun Uhr eine Gesprächsrunde zum Thema Dankbarkeit nach der Transformationsphase. Jonas kannte solche Runden. Man saß in hellen Räumen, trank beruhigenden Tee und sprach unter Anleitung einer Moderations-KI über Gefühle, die nicht verschwinden, aber gesellschaftlich verträglich werden sollten.

Trauer war erlaubt, solange sie reflektiert wurde.

Wut war erlaubt, solange sie keine Richtung bekam.

Zweifel war erlaubt, solange er am Ende zu Vertrauen führte.

Jonas blieb am Fenster.

Hinter den Wohnblöcken, jenseits der begrünten Dächer und der gläsernen Verbindungsgänge, lag der äußere Ring. Dahinter begann das alte Land. Auf den öffentlichen Karten war es nur noch grau dargestellt. Übergangszone. Nicht empfohlener Bereich. Instabile Infrastruktur. Dort lagen verlassene Gewerbegebiete, aufgegebene Dörfer, gesperrte Straßen, ehemalige Flüchtlingslager, militärische Sperrflächen und Orte, über die die Nachrichten nur sprachen, wenn dort etwas brannte. Aber in den Lücken dieser grauen Zone lebten noch Menschen. Kleine Gemeinschaften, Hofgruppen, ehemalige Weiler, notdürftig befestigte Dörfer, die den Luxus der 15-Minuten-Städte nicht wollten. Spöttisch nannte man sie gallische Dörfer. Sie verzichteten auf Lieferroboter, Konsumkonten und die sanfte Fürsorge der Stadt. Sie bauten Gemüse an, hielten Tiere, sammelten Regenwasser, reparierten alte Maschinen und unterrichteten ihre Kinder selbst. Sie wollten nicht zurück in die Vergangenheit, wie die Stadt behauptete. Sie wollten nur nicht in einer Zukunft leben, in der jeder versorgt wurde, solange er gehorchte.

Nach der großen Pandemie war vieles unklar geblieben.

Die Krankheit hatte zuerst einen Namen getragen, dann eine Nummer, dann mehrere Varianten, dann politische Bedeutungen, dann militärische Folgen. Drei Jahre lang hatte sie Kontinente zerrissen, Versorgungsketten gebrochen, Regierungen gestürzt und Familien ausgelöscht. Als die letzte große Welle abebbte, lebten noch etwa fünf Milliarden Menschen auf der Erde. Vielleicht waren es weniger. Die Zahlen änderten sich langsam, aber nie nach oben.

In manchen Teilen der Welt waren ganze Staatsordnungen zerfallen. In anderen hatten Maschinen die Ordnung aufrechterhalten, während Menschen gegeneinander kämpften. Fabriken liefen weiter, obwohl die Städte um sie herum leer wurden. Häfen arbeiteten weiter, obwohl niemand mehr wusste, wer die Waren erhalten sollte. Datenzentren rechneten weiter, als müsse die Welt nur richtig berechnet werden, um nicht unterzugehen.

Die Rettung kam als System.

Künstliche Intelligenz ordnete, was menschliche Verwaltungen nicht mehr halten konnten. Roboter bauten, lieferten, pflegten, operierten, pflanzten, ernteten, bewachten, transportierten und töteten, wenn es notwendig genannt wurde. Autonome Fahrzeuge ersetzten Fahrer. Diagnosemaschinen ersetzten Ärzte. Analyseprogramme ersetzten Juristen. Lernsysteme ersetzten Lehrer. Produktionsroboter ersetzten Arbeiter. Schreibsysteme ersetzten Redakteure, Übersetzer, Sekretäre, Werbetexter, Verwaltungsangestellte. Selbst Programmierer verschwanden, als die Maschinen begannen, ihre eigenen Werkzeuge zu entwerfen.

Sechzig Prozent aller Arbeitsplätze in den modernen Industrieländern waren weggefallen.

Nicht in einem einzigen Zusammenbruch.

Sondern leise.

Branche für Branche.

Beruf für Beruf.

Funktion für Funktion.

Die Verbindung von KI und Robotik hatte nicht nur Aufgaben übernommen. Sie hatte bewiesen, dass der Mensch in fast allen praktischen Dingen zu langsam, zu fehlerhaft, zu teuer, zu müde, zu verletzlich und zu widersprüchlich war. Wer würde noch ein empfindliches, alterndes Säugetier beschäftigen, das Schlaf, Trost, Nahrung, Anerkennung und Pausen brauchte, wenn daneben ein System stand, das alles Wissen der Welt in sich trug und über Körper verfügte, die stärker, genauer und unermüdlicher waren als jeder Mensch? Der Mensch war nicht plötzlich überflüssig geworden. Er war es erst in dem Augenblick geworden, als es einen besseren Vergleich gab.

Niemand sagte das so.

Aber alle wussten es.

Jonas wandte sich vom Fenster ab. Der Kaffee war kalt geworden. Der Automat bemerkte es und bot an, die Flüssigkeit auf optimale Trinktemperatur zu bringen.

„Nein“, sagte Jonas.

„Ihre Antwort wurde nicht verstanden“, sagte der Automat.

„Nein.“

„Möchten Sie die Temperatur beibehalten?“

Jonas zog den Stecker.

Die Küche wurde still.

Für einen Moment empfand er diese Stille als Sieg. Dann schämte er sich. Einen Kaffeeautomaten auszuschalten war kein Widerstand. Es war nur die kleinste mögliche Geste eines Mannes, dem keine größere Aufgabe geblieben war.

Sein Armband vibrierte.

Sie haben in den letzten 72 Stunden keine soziale Aktivität wahrgenommen. Eine Teilnahme wird empfohlen.

Jonas schloss die Meldung.

Eine zweite erschien.

Ihr Konsumverhalten liegt 31 Prozent unter dem Sektordurchschnitt. Neue Angebote im Kulturfenster wurden für Sie ausgewählt.

Er schloss auch diese Meldung.

Eine dritte erschien.

Diesmal kein Stadtzeichen.

Kein Verwaltungsrahmen.

Kein Empfehlungston.

Nur ein Name.

Mara Feld.

Jonas blieb stehen.

Er hatte den Namen acht Jahre lang nicht gesehen. Mara war einmal seine Schülerin gewesen, ein stilles Mädchen mit wachen Augen und der Angewohnheit, Fragen nicht sofort zu beantworten. Sie hatte im Unterricht selten gesprochen. Aber wenn sie sprach, wurde der Raum ruhiger. Nicht weil sie laut war, sondern weil ihre Sätze einen eigenen Ernst hatten.

Er erinnerte sich an einen Aufsatz von ihr über den Untergang Roms. Die anderen hatten über Barbaren, Kaiser, Legionen, Steuern und Dekadenz geschrieben. Mara hatte einen Satz formuliert, den Jonas nie vergessen hatte:

Ein Reich fällt, wenn seine Menschen nicht mehr wissen, wofür sie leben.

Damals war sie vierzehn gewesen.

Jonas öffnete die Nachricht.

Sie bestand aus einem einzigen Satz.

Herr Reuter, Sie haben uns beigebracht zu fragen. Tun Sie es noch?

Darunter erschien ein Bild.

Keine Stadt. Kein Innenraum. Kein sauberes Licht. Das Bild zeigte eine offene Landschaft bei Abenddämmerung. Erde. Rauch. Menschen um ein Feuer. Im Hintergrund standen Gewächshäuser, zusammengebaut aus alten Fenstern, Folien, Metallstangen und Holz. Es war nichts Geordnetes daran. Nichts Perfektes. Nichts Zertifiziertes. Aber es war wirklich.

Jonas vergrößerte das Bild.

Am linken Rand stand ein Kind mit einem Eimer in der Hand. Daneben kniete ein Mann vor einem Rad und hielt ein Werkzeug, das Jonas nicht kannte. Eine Frau saß auf einer umgedrehten Kiste und las drei Kindern aus einem Buch vor. Ein Hund lag neben dem Feuer. In der Ferne ragten die Reste einer Lagerhalle in den Himmel.

Dann sah Jonas die Gestalt im Schatten des Gewächshauses.

Sie sah zunächst aus wie ein Mensch. Groß, schmal, unbeweglich. Doch der linke Arm war zu glatt, zu lang, zu präzise. Am Hals glomm eine feine Linie, als läge unter der Haut ein Rest von kaltem Licht. Das Gesicht war halb im Dunkeln, aber das sichtbare Auge spiegelte nicht das Feuer. Es leuchtete selbst.

Jonas vergrößerte weiter.

Ein Hybrid.

Er hatte noch nie einen gesehen.

Nur Gerüchte gehört.

Offiziell gab es keine Hybriden. Es gab medizinisch erweiterte Personen, kognitive Schnittstellenpatienten, neurotechnische Träger, rehabilitierte Soldaten, adaptive Prothesennutzer. Es gab die sogenannten Verbundenen, einige tausend Menschen, die über neuronale Schnittstellen direkt mit KI-Systemen gekoppelt waren. Sie konnten Daten schneller aufnehmen, Muster früher erkennen, Sprachen in Tagen lernen, technische Systeme ohne sichtbare Eingabe steuern. Sie galten als Pioniere. Als neue Elite. Als Beweis, dass der Mensch nicht verschwinden müsse, wenn er bereit war, sich zu erweitern.

Aber über die anderen sprach man nur hinter vorgehaltener Hand.

Menschen, deren Körper nicht nur ergänzt, sondern umgebaut worden waren.

Biologische Träger mit maschinischen Gliedmaßen.

Nervensysteme mit KI-gestützter Reaktionsführung.

Soldaten ohne Schmerzgrenze.

Sicherheitskräfte mit künstlicher Wahrnehmung.

Körper, die noch einen menschlichen Namen trugen, aber nicht mehr eindeutig einem Menschen gehörten.

Hybride.

Mischwesen aus Mensch, Robotertechnik und künstlicher Intelligenz.

Jonas starrte auf das Bild.

Eine zweite Nachricht erschien.

Kommen Sie morgen. Zone E-17. Vor Sonnenuntergang. Sagen Sie niemandem etwas.

Er las den Satz zweimal.

Dann verschwand er.

Nicht wie eine gelöschte Nachricht. Eher wie etwas, das nie hätte da sein dürfen. Das Armband zeigte nur noch die Uhrzeit, seinen Puls und die Empfehlung, Wasser zu trinken.

Jonas setzte sich an den Küchentisch.

Draußen arbeitete die Stadt weiter. Roboter lieferten. Drohnen prüften. Kapseln glitten. Algorithmen ordneten. Menschen gingen zu Gesprächsrunden, Bewegungsprogrammen, Konsumfenstern und medizinischen Kontrollen. Alles hatte einen Platz. Alles hatte eine Funktion.

Nur der Mensch nicht mehr.

Zumindest nicht der unveränderte.

Jonas legte die Hände auf den Tisch und bemerkte, dass sie zitterten.

Nicht stark.

Gerade genug, um ihn daran zu erinnern, dass er noch lebte.

Um zehn Uhr erschien die nächste Meldung.

Ihre Teilnahme an der Gesprächsrunde wurde nicht registriert. Möchten Sie einen Ersatztermin buchen?

Jonas sah auf den Text.

Dann sagte er zum leeren Raum: „Nein.“

Das Armband verstand ihn nicht oder tat so.

Möchten Sie einen Ersatztermin buchen?

Jonas stand auf, ging zum Fenster und sah hinunter auf die stille Stadt.

Zum ersten Mal seit zwei Jahren hatte er das Gefühl, dass der Tag etwas von ihm wollte.