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Der individuelle Bewusstseinsraum

Wir leben alle innerhalb derselben gemeinsamen Wirklichkeit und dennoch lebt jeder Mensch in gewisser Weise in seiner eigenen Welt. Zwei Menschen können am selben Ort stehen, dasselbe Ereignis erleben und doch etwas völlig Unterschiedliches darin erkennen. Der eine sieht eine Möglichkeit, der andere eine Gefahr. Der eine empfindet Vertrauen, der andere Misstrauen. Der eine erkennt einen Weg, während der andere nur ein Hindernis wahrnimmt. Die äußere Situation kann dieselbe sein. Was sich unterscheidet, ist der individuelle Bewusstseinsraum.
Damit meine ich nicht lediglich eine augenblickliche Stimmung oder eine vorübergehende emotionale Verfassung. Der individuelle Bewusstseinsraum umfasst vielmehr jene Gesamtheit innerer Prägungen, durch die wir Wirklichkeit wahrnehmen und deuten: unsere Erfahrungen, Erinnerungen, Überzeugungen, Erwartungen, Ängste, Hoffnungen, Wertvorstellungen, unsere Erziehung und nicht zuletzt das Bild, das wir von uns selbst entwickelt haben.

Die Welt, die wir erleben, ist keine objektive Fotografie des Universums. Was in unser Bewusstsein gelangt, ist bereits ausgewählt, geordnet und gedeutet. In jedem Augenblick treffen unzählige Eindrücke auf uns. Wir könnten sie niemals alle gleichzeitig bewusst erfassen. Unser Geist muss auswählen. Er richtet Aufmerksamkeit auf Bestimmtes, lässt anderes im Hintergrund verschwinden, verbindet das Wahrgenommene mit früheren Erfahrungen und verleiht ihm Bedeutung.
Wir glauben deshalb häufig, wir würden die Wirklichkeit unmittelbar sehen. Doch vielleicht sehen wir sehr viel öfter nur jene Wirklichkeit, die unser gegenwärtiger individueller Bewusstseinsraum für uns sichtbar werden lässt.
Darin liegt eine der grundlegenden Fragen: Wie viel von dem, was wir für Wirklichkeit halten, ist tatsächlich Wirklichkeit – und wie viel ist unsere Interpretation von ihr?
Unsere Kultur geht meist stillschweigend von einer bestimmten Reihenfolge aus. Zuerst existiert die Realität, danach nehmen wir sie wahr. Die Welt ist da, und unser Bewusstsein bildet sie so gut wie möglich ab.
Für den Umgang mit der gemeinsamen stofflichen Wirklichkeit mag dieses Modell im Alltag genügen. Ein Baum steht an einem bestimmten Ort, unabhängig davon, ob ich ihn liebe, fürchte oder überhaupt beachte. Doch sobald wir fragen, was dieser Baum für einen einzelnen Menschen bedeutet, beginnt eine andere Ebene.
Der eine sieht in ihm Schönheit. Der andere Brennholz. Ein Dritter erkennt wirtschaftlichen Wert. Ein Vierter erinnert sich an seine Kindheit. Ein Fünfter empfindet Angst, weil bei einem Sturm einmal ein Baum auf sein Haus gefallen ist.
Der Baum ist derselbe.
Die erlebte Wirklichkeit ist es nicht.
Hier beginnt der Bereich des individuellen Bewusstseinsraums.
Was wäre nun, wenn vieles von dem, was wir gewöhnlich Persönlichkeit nennen, nicht unser unveränderliches Wesen wäre, sondern aus erlernten inneren Programmen bestünde?
Programme entstehen früh. Durch Familie, Schule, Kultur, Religion, gesellschaftliche Erwartungen, Erfahrungen, Lob und Zurückweisung, Erfolg und Scheitern. Ein Kind lernt nicht nur, wie man spricht, isst oder sich in einer Gemeinschaft verhält. Es lernt zugleich, welche Welt es erwarten soll.
Es lernt, wem man vertrauen darf.
Es lernt, was gefährlich ist.
Es lernt, was Erfolg bedeutet.
Es lernt, was ein „guter Mensch“ sein soll.
Es lernt, was erlaubt und verboten, normal und ungewöhnlich, erreichbar und unerreichbar ist.
Und es lernt etwas noch Entscheidenderes: wer es selbst zu sein glaubt.
Viele dieser Vorstellungen haben wir niemals bewusst gewählt.
Wir haben sie übernommen.
Ein Satz, den ein Kind oft genug hört, kann irgendwann zu einem inneren Gesetz werden.
Du bist nicht begabt genug.
Bei uns schafft das keiner.
Geld verdirbt den Charakter.
Man darf nicht auffallen.
Du musst stark sein.
Vertraue niemandem.
Das Leben ist hart.
Dafür bist du zu alt.
So etwas macht man nicht.
Irgendwann verschwindet die Stimme desjenigen, der diese Sätze ausgesprochen hat.
Doch der Satz bleibt.
Und eines Tages hören wir ihn nicht mehr als fremde Stimme.
Wir halten ihn für unsere eigene.
Vielleicht liegt genau darin eine der größten Schwierigkeiten der Selbsterkenntnis.
Wir unterscheiden häufig nicht mehr zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir gelernt haben, über uns und die Welt zu denken.
Das, was wir Persönlichkeit nennen, erscheint dann wie eine feste Einheit. Doch möglicherweise ist es weit beweglicher. Vielleicht besteht es aus zahlreichen Programmen, die nebeneinander existieren und je nach Situation hervortreten: Überlebensprogramme, emotionale Programme, familiäre Programme, kulturelle Programme, religiöse Programme, sexuelle Programme, Erfolgsprogramme, Programme des Scheiterns, der Anpassung oder des Widerstands.
Ein Mensch kann im Beruf souverän auftreten und in einer Beziehung von Verlustangst bestimmt werden. Er kann politisch unabhängig denken und gleichzeitig Vorstellungen über Moral oder Religion übernehmen, die er niemals geprüft hat. Er kann sich für frei halten und Entscheidungen treffen, die in Wahrheit immer noch von einer Angst gesteuert werden, die vor Jahrzehnten entstanden ist.
Und jedes dieser Programme hat eine bemerkenswerte Eigenschaft.
Sobald es aktiv wird, behauptet es:
Das bin ich.
Vielleicht haben wir deshalb so große Schwierigkeiten herauszufinden, wer wir wirklich sind.
Wir verwechseln unser Wesen mit dem Programm, das gerade spricht.
Eine Überzeugung ist dabei weit mehr als ein einzelner Gedanke. Sie wirkt wie ein stiller Satz im Hintergrund unseres Bewusstseins, nach dem andere Gedanken geordnet werden.
Sie bestimmt mit, worauf wir achten.
Sie bestimmt, was wir übersehen.
Sie beeinflusst, welche Bedeutung wir einem Ereignis geben.
Sie entscheidet mit darüber, was wir für möglich halten.
Und sie setzt Grenzen für das, was wir überhaupt versuchen werden.
Im Reich des Geistes besitzt deshalb das, was ein Mensch für wahr hält, eine eigentümliche Macht. Nicht deshalb, weil sich die Welt jedem Wunsch fügt oder das Universum unseren Launen gehorcht. Sondern weil Überzeugungen darüber entscheiden, was wir überhaupt wahrzunehmen vermögen. Sie lenken unseren Blick, ordnen unsere Erfahrungen, geben Ereignissen Bedeutung und bestimmen, welche Möglichkeiten wir erkennen – und welche außerhalb unseres inneren Horizonts bleiben.
Was wir für wahr halten, wirkt deshalb nicht nur auf unsere Gedanken. Es wirkt auf unsere Entscheidungen, auf unser Verhalten und damit auf den Weg, den wir innerhalb der gemeinsamen Wirklichkeit nehmen.
Eine Überzeugung kann auf diese Weise zu einem sich selbst erhaltenden Programm werden.
Nehmen wir einen Menschen, der tief davon überzeugt ist, dass er scheitern wird. Er wird Risiken möglicherweise schneller erkennen als Chancen. Er wird zurückhaltender handeln, bestimmte Möglichkeiten gar nicht erst prüfen und vielleicht früher aufgeben. Das Ergebnis kann seine ursprüngliche Erwartung bestätigen.
Er wird sagen:
„Ich wusste, dass es nicht funktioniert.“
Doch was hat sich hier eigentlich bestätigt?
Hat die Wirklichkeit seine Überzeugung bestätigt?
Oder hat seine Überzeugung sein Verhalten so geprägt, dass gerade jene Erfahrung wahrscheinlicher wurde, die er ohnehin erwartet hatte?
Der Kreislauf ist leicht zu übersehen:
Eine Überzeugung beeinflusst die Wahrnehmung.
Die Wahrnehmung beeinflusst die Entscheidung.
Die Entscheidung beeinflusst die Handlung.
Die Handlung verändert die Erfahrung.
Und die Erfahrung bestätigt schließlich die ursprüngliche Überzeugung.
Damit wird aus einem Gedanken ein inneres System.
Vielleicht sogar ein Gefängnis.
Und das vollkommenste Gefängnis ist möglicherweise jenes, von dessen Existenz wir nichts wissen.
Wir alle möchten glauben, frei zu denken. Doch wie selten stellen wir uns die Fragen, die eigentlich davor liegen:
Wer hat die Gedanken geschrieben, die ich heute für meine eigenen halte?
Wer hat entschieden, was ich für möglich halte?
Wer hat mir beigebracht, wovor ich mich fürchten soll?
Wer hat mein Bild von Erfolg geprägt?
Wer hat festgelegt, was ich für richtig oder falsch, normal oder ungewöhnlich halte?
Und wie viel davon habe ich jemals selbst überprüft?
Das bedeutet nicht, dass jede übernommene Vorstellung falsch wäre. Ohne Lernen, Tradition und Weitergabe könnten Menschen kaum existieren. Wir benötigen Sprache, Regeln, Erfahrungen anderer und kulturelles Wissen.
Problematisch wird es dort, wo das Übernommene unsichtbar wird.
Wo aus einer erlernten Vorstellung eine scheinbar unumstößliche Wirklichkeit wird.
Wo wir nicht mehr sagen:
„Ich habe gelernt, so zu denken.“
Sondern:
„So ist es.“
Genau hier beginnt für mich die Bedeutung eines bewussteren Umgangs mit dem eigenen individuellen Bewusstseinsraum.
Denn solange ich eine Überzeugung für die Wirklichkeit selbst halte, kann ich sie kaum hinterfragen.
In dem Augenblick jedoch, in dem ich erkenne:
Das ist eine Überzeugung. Das ist ein erlerntes Programm.
entsteht ein Abstand.
Und in diesem Abstand liegt möglicherweise der Anfang von Freiheit.
Ich kann fragen:
Woher kommt dieser Gedanke?
Wann habe ich begonnen, ihn für wahr zu halten?
Hat er mir einmal geholfen?
Hilft er mir heute noch?
Entspricht er meiner eigenen Erfahrung – oder wiederhole ich nur etwas, das andere mir vermittelt haben?
Und schließlich:
Wie würde ich handeln, wenn ich ihn nicht mehr für unumstößlich hielte?
Damit stellt sich eine entscheidende Frage:
Wenn eine Überzeugung meine Erfahrung der Welt so tiefgreifend verändern kann – was geschieht dann, wenn ich dieses Glaubenssystem bewusst verändere?
Zunächst verändert sich nicht zwangsläufig die gemeinsame stoffliche Wirklichkeit.
Ein Berg verschwindet nicht.
Eine Rechnung löst sich nicht auf.
Ein vergangenes Ereignis wird nicht ungeschehen.
Aber mein Verhältnis zur Wirklichkeit kann sich verändern.
Und mit ihm verändert sich möglicherweise sehr viel.
Ich erkenne plötzlich Möglichkeiten, die ich vorher nicht gesehen habe.
Ich spreche mit Menschen, die ich früher gemieden hätte.
Ich wage einen Schritt, den ich mir zuvor nicht zugetraut hätte.
Ich setze eine Grenze, wo ich früher geschwiegen hätte.
Ich beginne etwas, das bisher außerhalb dessen lag, was ich für mich selbst möglich hielt.
Damit verändert sich mein Handeln.
Und wenn sich mein Handeln verändert, verändert sich mein Weg innerhalb der gemeinsamen Wirklichkeit.
Der individuelle Bewusstseinsraum spiegelt die Realität deshalb nicht einfach wider.
Er wirkt daran mit, wie wir diese Realität erleben und welchen Weg wir innerhalb ihrer Möglichkeiten einschlagen.
Das ist etwas anderes als die Behauptung, der Mensch erschaffe die gesamte Welt allein durch seine Gedanken.
Der kollektive Bewusstseinsraum bleibt die gemeinsame Grundlage. Er setzt Grenzen, Bedingungen und eine Wirklichkeit, die nicht meiner persönlichen Willkür unterliegt.
Doch innerhalb dieser gemeinsamen Wirklichkeit bestimmt mein individueller Bewusstseinsraum wesentlich mit, was ich wahrnehme, wie ich es deute, welche Möglichkeiten ich erkenne und wie ich schließlich handle.
Vielleicht lässt sich dies mit einem Scheinwerfer vergleichen.
Die Bühne ist bereits vorhanden. Auf ihr gibt es mehr Eindrücke, Möglichkeiten und Handlungswege, als ein einzelner Mensch gleichzeitig erfassen kann.
Der individuelle Bewusstseinsraum richtet den Scheinwerfer unserer Aufmerksamkeit.
Was im Licht liegt, wird für uns bedeutsam.
Was im Dunkel bleibt, kann vorhanden sein, ohne dass wir es erkennen.
Damit wird eine Überzeugung zu etwas weit Wirksamerem als einer bloßen Meinung.
Sie bestimmt nicht zwangsläufig, was in der Welt existiert.
Aber sie bestimmt mit, welcher Teil dieser Welt für uns überhaupt zugänglich wird.
Genau darin könnte die eigentliche Bedeutung geistiger Veränderung liegen.
Nicht darin, dem Universum Befehle zu erteilen.
Nicht darin, sich einzureden, alles sei möglich.
Sondern darin, jene inneren Grenzen zu erkennen, die wir irgendwann mit den Grenzen der Wirklichkeit verwechselt haben.
Vielleicht ist vieles, was wir für die Grenze der Welt halten, zunächst nur die Grenze unseres bisherigen individuellen Bewusstseinsraums.
Dadurch wird nicht alles erreichbar.
Es hebt weder Naturgesetze noch die Freiheit anderer Menschen auf.
Es beseitigt weder Zufall noch Krankheit, gesellschaftliche Strukturen oder die Folgen vergangener Entscheidungen.
Aber es öffnet eine entscheidende Möglichkeit:
Wir müssen nicht jedes innere Programm bis ans Ende unseres Lebens wiederholen.
Freiheit beginnt deshalb vielleicht nicht damit, dass wir tun dürfen, was wir wollen.
Sie beginnt früher.
Sie beginnt mit der Fähigkeit zu erkennen, warum wir überhaupt wollen, was wir wollen.
Warum wir fürchten, was wir fürchten.
Warum wir uns etwas zutrauen – oder nicht zutrauen.
Warum manche Wege für uns sichtbar sind und andere nicht.
Erst wenn wir ein Programm als Programm erkennen, können wir beginnen, uns von ihm zu unterscheiden.
Hier liegt vielleicht auch der tiefere Unterschied zwischen Programm und Bewusstsein.
Das Programm reagiert.
Bewusstsein kann beobachten.
Das Programm wiederholt.
Bewusstsein kann erkennen.
Das Programm sagt: „So ist die Welt.“
Bewusstsein kann fragen: „Ist sie wirklich so – oder habe ich gelernt, sie so zu sehen?“
Damit bekommt auch der Begriff der Selbsterkenntnis eine andere Bedeutung.
Die Frage lautet nicht nur:
Wer bin ich?
Sie lautet ebenso:
Was von dem, was ich für mich selbst halte, bin tatsächlich ich – und was wurde mir beigebracht?
Vielleicht besteht ein wesentlicher Teil menschlicher Entwicklung darin, diese beiden Ebenen voneinander unterscheiden zu lernen.
Nicht um alle Prägungen abzulegen. Das wäre weder möglich noch sinnvoll.
Sondern um nicht mehr unbewusst von ihnen beherrscht zu werden.
Der individuelle Bewusstseinsraum ist deshalb für mich nichts Starres.
Er verändert sich.
Durch Erfahrungen.
Durch Erkenntnis.
Durch Verlust.
Durch Begegnungen.
Durch Entscheidungen.
Und manchmal durch einen einzigen Gedanken, der eine Überzeugung erschüttert, die wir jahrzehntelang für selbstverständlich gehalten haben.
Wenn sich unser individueller Bewusstseinsraum verändert, verändert sich zunächst unser Blick.
Dann vielleicht unser Verhalten.
Dann unser Weg.
Und schließlich kann sich auch ein Teil jener gemeinsamen Wirklichkeit verändern, in der andere Menschen leben.
Denn jede Handlung, die aus einem veränderten individuellen Bewusstseinsraum hervorgeht, wird wiederum Teil des kollektiven Bewusstseinsraums.
Damit berühren sich beide Ebenen.
Der kollektive Bewusstseinsraum stellt die gemeinsame Wirklichkeit bereit.
Der individuelle Bewusstseinsraum bestimmt unseren Zugang zu ihr.
Und durch unser Handeln tragen wir das, was in uns entstanden ist, wieder in die gemeinsame Wirklichkeit zurück.
Vielleicht sind wir deshalb weder vollständig durch unsere Umwelt bestimmt noch völlig frei von ihr.
Wir empfangen Programme.
Wir übernehmen Vorstellungen.
Wir werden geprägt.
Aber wir besitzen zugleich die Fähigkeit, diese Prägungen zu erkennen.
Und genau dort könnte etwas beginnen, das über jedes Programm hinausweist.
Denn wenn ich meine Gedanken beobachten kann, bin ich dann mit diesen Gedanken identisch?
Wenn ich eine Angst betrachten kann, bin ich dann diese Angst?
Wenn ich ein Programm erkennen und verändern kann, wer ist dann derjenige, der es erkennt?
Vielleicht beginnt die eigentliche Selbsterkenntnis genau an diesem Punkt.
Wenn ich nicht jedes Programm bin, das in mir abläuft – wer ist dann derjenige, der es beobachten kann?