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Der universelle Code

In früheren Zeiten sprach man vom göttlichen Ursprung, vom Weltgeist, vom Einen oder von einer verborgenen Ordnung hinter den sichtbaren Dingen. Heute verwenden wir andere Begriffe. Wir sprechen von Information, Programmen, Netzwerken, Datenstrukturen, Schnittstellen und Simulationen. Vielleicht verändert sich damit nur die Sprache – nicht aber die Frage.
Was wäre, wenn das, was ältere Kulturen als geistige Ordnung beschrieben, sich in heutiger Terminologie als eine Art universelles Informationssystem verstehen ließe?

Damit ist nicht gemeint, dass irgendwo außerhalb unseres Universums tatsächlich ein Computer steht, auf dem unsere Welt berechnet wird. Der Begriff des Computers wäre lediglich ein modernes Bild für eine tiefere Vorstellung: dass Wirklichkeit nicht zuerst aus festen Dingen bestehen muss, sondern aus Beziehungen, Informationen, Regeln und Möglichkeiten, aus denen sich das Sichtbare erst hervorbildet.
Wir kennen dieses Prinzip aus der digitalen Welt. In einem Computerspiel erscheint dem Teilnehmer eine vollständige Umgebung. Es gibt Landschaften, Gebäude, Gegenstände, andere Teilnehmer und Regeln, an die sich alle halten müssen. Der einzelne Spieler erzeugt diese Welt nicht selbst. Er betritt sie. Er erlebt sie aus seiner eigenen Perspektive und kann innerhalb bestimmter Grenzen handeln.
Die gemeinsame Welt bleibt dabei für alle verbindlich.
Wenn ein Gegenstand verändert wird und das System diese Veränderung übernimmt, begegnen auch andere Teilnehmer dem neuen Zustand. Niemand muss zuvor davon erfahren haben. Die Veränderung ist im gemeinsamen System enthalten.
Genau darin liegt eine auffällige Parallele zu dem, was ich als kollektiven Bewusstseinsraum bezeichne.
Auch wir erleben eine gemeinsame Wirklichkeit, die nicht von unserer persönlichen Kenntnis abhängt. Ein Baum, der gefällt wurde, bleibt gefällt, auch wenn ein anderer Mensch nichts von diesem Vorgang weiß. Eine Stadt, die gebaut wurde, existiert für denjenigen, der sie zum ersten Mal betritt. Die gemeinsame Wirklichkeit besitzt einen Zustand, auf den alle individuellen Bewusstseinsräume zugreifen.
In der Sprache unserer Zeit könnte man deshalb fragen:
Ist der kollektive Bewusstseinsraum möglicherweise mit einer universellen Informationsstruktur vergleichbar?
Der Vergleich führt zu einer weiteren Unterscheidung.
In einem digitalen System gibt es das Programm selbst und den Teilnehmer, der sich innerhalb dieses Programms bewegt. Der Teilnehmer sieht nicht den gesamten Code. Er erlebt nur das, was ihm innerhalb seiner Perspektive zugänglich wird.
Ähnlich könnte es sich mit dem individuellen Bewusstseinsraum verhalten.
Wir sehen nicht die Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit. Wir erfahren einen Ausschnitt. Unsere Sinne begrenzen diesen Ausschnitt zusätzlich. Wir sehen nur einen schmalen Bereich elektromagnetischer Strahlung, hören nur bestimmte Frequenzen und nehmen selbst innerhalb dieser Grenzen nur einen Bruchteil dessen bewusst wahr, was auf uns einwirkt.
Unser individueller Bewusstseinsraum wäre in diesem Vergleich also gewissermaßen die Benutzeroberfläche, über die wir mit einer tieferen Wirklichkeit in Verbindung stehen.
Donald Hoffman hat für die Wahrnehmung ein ähnliches Bild verwendet. Nach seiner Auffassung zeigt uns Wahrnehmung nicht zwangsläufig die Wirklichkeit so, wie sie an sich beschaffen ist. Sie könnte eher einer Benutzeroberfläche gleichen. Das Symbol eines Ordners auf einem Computerbildschirm zeigt uns schließlich ebenfalls nicht die elektrischen und logischen Vorgänge, die sich im Inneren des Computers abspielen. Es gibt uns eine für unser Handeln brauchbare Darstellung.
Vielleicht verhält es sich mit der stofflichen Welt ähnlich.
Der Baum, den wir sehen, wäre dann durchaus real. Aber das, was wir als Farbe, Form, Festigkeit und räumliche Ausdehnung erleben, könnte eine für unseren Bewusstseinsraum zugängliche Darstellung einer tieferen Ordnung sein.
Auch John Archibald Wheelers Gedanke des „It from Bit“ berührt diesen Zusammenhang. Wheeler stellte die Frage, ob Information für die physikalische Wirklichkeit eine grundlegendere Rolle spielen könnte, als unser klassisches Bild einer aus festen materiellen Bausteinen bestehenden Welt vermuten lässt.
Andere Denker gingen noch weiter.
Konrad Zuse stellte bereits im 20. Jahrhundert die Vorstellung eines „Rechnenden Raumes“ zur Diskussion. Edward Fredkin entwickelte Gedanken einer digitalen Physik, nach denen physikalische Vorgänge grundsätzlich informationsartig verstanden werden könnten. Seth Lloyd beschrieb das Universum metaphorisch als einen Quantencomputer, der fortwährend Information verarbeitet.
Keiner dieser Ansätze beweist, dass unsere Welt buchstäblich ein Computerprogramm ist.
Aber gemeinsam verändern sie die Frage.
Vielleicht ist Information nicht lediglich etwas, das innerhalb der materiellen Welt existiert.
Vielleicht ist das, was wir Materie nennen, selbst Ausdruck einer tieferen Informationsordnung.
Nick Bostrom stellte diese Überlegung aus einer anderen Richtung. Seine Simulationshypothese fragt, ob technisch weit entwickelte Zivilisationen irgendwann in der Lage sein könnten, künstliche Welten mit bewussten Wesen zu simulieren. Falls dies möglich wäre und solche Simulationen in großer Zahl existierten, würde sich die Frage stellen, wie sicher wir überhaupt sein könnten, uns in einer ursprünglichen und nicht in einer simulierten Wirklichkeit zu befinden.
Für meinen Gedanken ist allerdings etwas anderes entscheidender.
Die Frage lautet nicht unbedingt:
Wer hat den Computer gebaut?
Oder:
Wer hat das Programm geschrieben?
Vielleicht führt bereits diese Vorstellung zu weit in unsere menschliche Technik hinein.
Denn ein universelles Informationssystem müsste nicht von einer äußeren Maschine erzeugt werden.
Es könnte selbst die grundlegende Ordnung der Wirklichkeit sein.
Hier unterscheidet sich meine Vorstellung auch von einer einfachen Simulationshypothese.
Der kollektive Bewusstseinsraum wäre nicht unbedingt ein Programm, das von einem fremden Programmierer erschaffen wurde. Er könnte vielmehr selbst jene grundlegende Ebene sein, aus der sowohl Bewusstsein als auch die von uns erfahrene Welt hervorgehen.
Jacobo Grinbergs Vorstellung einer Lattice kommt diesem Gedanken in anderer Sprache nahe. Er nahm eine fundamentale Struktur an, mit der Bewusstsein in Wechselwirkung tritt und aus der sich unsere wahrgenommene Wirklichkeit formt.
Bernardo Kastrup geht noch einen anderen Weg. In seinem analytischen Idealismus ist nicht Materie, sondern Bewusstsein fundamental. Individuelle Bewusstseine wären danach keine vollständig getrennten Einheiten, sondern unterschiedliche Perspektiven innerhalb einer umfassenderen Bewusstseinswirklichkeit.
Wenn man diese verschiedenen Gedanken nicht als Beweise, sondern als Denkmodelle nebeneinanderstellt, entsteht ein interessantes Bild.
Vielleicht haben frühere Kulturen von einem geistigen Ursprung gesprochen.
Vielleicht sprechen Philosophen von einem universellen Bewusstsein.
Vielleicht sprechen Physiker und Informationstheoretiker von Information, Strukturen und Berechnung.
Und vielleicht beschreiben diese Begriffe nicht dasselbe – berühren aber unterschiedliche Seiten derselben alten Frage:
Was liegt hinter der sichtbaren Wirklichkeit?
In der Terminologie unserer Zeit könnte man deshalb den kollektiven Bewusstseinsraum als eine Art universelles Betriebssystem der Wirklichkeit betrachten.
Doch auch dieser Vergleich besitzt Grenzen.
Ein Betriebssystem ist von Menschen geschaffen. Es folgt einem programmierten Code. Der kollektive Bewusstseinsraum wäre dagegen – wenn mein Modell zutrifft – nicht ein technisches Produkt innerhalb der Wirklichkeit. Er wäre jene Ebene, die Wirklichkeit überhaupt erst ermöglicht.
Wir wären darin keine bloßen Spielfiguren.
Denn wir besitzen Bewusstsein.
Wir beobachten.
Wir entscheiden.
Wir handeln.
Und durch unser Handeln verändert sich die gemeinsame Wirklichkeit.
Vielleicht sind wir deshalb nicht nur Teilnehmer eines Programms.
Vielleicht sind wir zugleich an seiner fortlaufenden Gestaltung beteiligt.
Nicht indem wir nach Belieben Naturgesetze verändern oder allein durch Gedanken Gegenstände erscheinen lassen.
Sondern indem jede wirkliche Handlung, jede Entscheidung und jede Veränderung in jene gemeinsame Wirklichkeit eingeht, die anschließend auch anderen begegnet.
In einem Computersystem würde man vielleicht sagen:
Der Zustand des Systems wurde aktualisiert.
In meiner Sprache:
Die Veränderung ist in den kollektiven Bewusstseinsraum eingegangen.
Damit bekommt auch der alte Gedanke des Menschen als Schöpfer eine neue Bedeutung.
Schöpfer zu sein müsste nicht bedeuten, die gesamte Wirklichkeit aus dem Nichts hervorzubringen.
Es könnte bedeuten, innerhalb einer bereits vorhandenen Ordnung tatsächlich etwas Neues hervorzubringen, das anschließend Teil des Gemeinsamen wird.
Ein Gedanke wird zu einer Entscheidung.
Eine Entscheidung wird zur Handlung.
Eine Handlung verändert die Wirklichkeit.
Und die veränderte Wirklichkeit begegnet danach auch anderen Menschen.
Vielleicht liegt darin unsere schöpferische Beteiligung.
Der Computervergleich könnte uns somit helfen, einen sehr alten Gedanken mit den Begriffen unserer Zeit neu zu betrachten.
Die Welt wäre das, was auf der Oberfläche erscheint.
Der kollektive Bewusstseinsraum wäre die gemeinsame Struktur, die diese Welt trägt.
Der individuelle Bewusstseinsraum wäre unsere persönliche Schnittstelle zu ihr.
Und der Gottesquant wäre jene tiefste Verbindung, durch die der einzelne Teilnehmer niemals vollständig vom Ursprung des gesamten Systems getrennt ist.
Doch eine Frage bliebe.
Wenn die Wirklichkeit tatsächlich einer universellen Informationsstruktur ähnelt – ist Bewusstsein dann ein Bestandteil dieses Systems? Oder ist Bewusstsein das, woraus das gesamte System überhaupt erst hervorgeht?