Fortschritt ohne Ziel – Muss alles verwirklicht werden, was technisch möglich ist?
Gedanken im Jahr 2022
Gekürzte Fassung
Einleitung
Die vergangenen beiden Jahre haben unser Verhältnis zur Technik tiefgreifend verändert. Während der Corona-Pandemie wurden innerhalb kürzester Zeit Arbeitsplätze in Wohnungen verlegt, Besprechungen durch Videokonferenzen ersetzt, Schulen digitalisiert und private Kontakte über Bildschirme aufrechterhalten. Vieles davon war notwendig und hilfreich. Ohne digitale Kommunikation wären wirtschaftliche, schulische und persönliche Beziehungen in noch stärkerem Maße beeinträchtigt worden.
Gerade diese Erfahrung hat bei mir jedoch ein Thema wieder in den Vordergrund gerückt, das mich bereits vor rund dreißig Jahren beschäftigte: die Frage nach den Folgen technischer Entwicklungen. Schon in den 1990er-Jahren schrieb ich einen Aufsatz über Technologiefolgenabschätzung und entwickelte dazu einen Lehrplan für ein ganzes Semester. Meine Vorstellung war, jungen Menschen in einer technischen Ausbildung nicht nur zu vermitteln, wie neue Technologien entwickelt und eingesetzt werden können, sondern ebenso, welche gesellschaftlichen, sozialen, wirtschaftlichen und ethischen Folgen daraus entstehen können.
Diesen Lehrplan reichte ich sowohl bei einer Fachhochschule als auch beim Ministerium für Bildung des Landes Rheinland-Pfalz ein. Eine inhaltliche Reaktion, die zu einer weiteren Beschäftigung mit meinem Vorschlag geführt hätte, erhielt ich nicht. Rückblickend erscheint mir diese Erfahrung bezeichnend. Technische Ausbildung war und ist stark darauf ausgerichtet, Funktionswissen zu vermitteln: Wie lässt sich etwas konstruieren, programmieren, optimieren oder wirtschaftlich nutzen? Die Frage, was eine neue Technik langfristig mit dem Menschen und mit der Gesellschaft macht, steht dagegen oft weniger im Mittelpunkt.
Dabei existierte die Idee einer systematischen Technikfolgenabschätzung schon lange. In den Vereinigten Staaten wurde 1972 das Office of Technology Assessment, kurz OTA, geschaffen. In Deutschland begann der Deutsche Bundestag 1990 mit einer institutionell verankerten Technikfolgenabschätzung; daraus entwickelte sich das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag, das TAB. Die Grundidee war also längst bekannt: Technischer Fortschritt darf nicht nur nach Machbarkeit und Nutzen beurteilt werden. Seine möglichen Folgen müssen frühzeitig mitgedacht werden.
Heute, im Jahr 2022, erscheint mir dieser Gedanke dringlicher denn je. Technische Entwicklungen greifen immer schneller in unseren Alltag ein. Häufig beginnt die gesellschaftliche Debatte erst dann, wenn eine Technik bereits verbreitet ist und sich Gewohnheiten, Abhängigkeiten und wirtschaftliche Interessen gebildet haben.
Technologiefolgenabschätzung – ein notwendiges Gegengewicht
Technologiefolgenabschätzung bedeutet für mich nicht Technikfeindlichkeit. Sie bedeutet auch nicht, Innovation grundsätzlich zu bremsen. Ihr Sinn besteht darin, technische Möglichkeiten in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Eine neue Technologie verändert selten nur einen einzelnen Arbeitsvorgang. Sie kann zugleich wirtschaftliche Strukturen, soziale Beziehungen, politische Machtverhältnisse und gesellschaftliche Erwartungen verändern.
Das TAB beim Deutschen Bundestag verfolgt genau diesen Anspruch. Es untersucht wissenschaftlich-technische Entwicklungen und ihre gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Chancen und Risiken. Damit soll das Parlament eine Grundlage erhalten, um politische Entscheidungen nicht allein auf technische Versprechen oder wirtschaftliche Interessen zu stützen. Eine solche Einrichtung ist wichtig, weil sie wenigstens versucht, Distanz zum unmittelbaren Verwertungsinteresse einer neuen Technik herzustellen.
Doch hier beginnt zugleich das Problem. Eine Technikfolgenabschätzung ist nur dann wirklich offen, wenn ihr Ergebnis nicht von vornherein feststeht. Sie müsste also auch zu dem Schluss kommen können, dass eine technisch mögliche und wirtschaftlich attraktive Entwicklung gesellschaftlich nicht wünschenswert ist oder nur unter starken Begrenzungen zugelassen werden sollte. Genau an dieser Stelle gerät sie in Konflikt mit wirtschaftlichen Interessen und internationaler Konkurrenz.
Moderne Industriegesellschaften leben vom technischen Wandel. Unternehmen investieren in Innovationen, weil sie Wettbewerbsvorteile erwarten. Staaten fördern Zukunftstechnologien, weil sie Arbeitsplätze, Wachstum und strategische Stärke sichern wollen. Das ist nachvollziehbar. Doch es führt dazu, dass technischer Fortschritt häufig schon deshalb als notwendig gilt, weil ein Verzicht wirtschaftliche Nachteile bringen könnte.
Damit verändert sich die Aufgabe der Technikfolgenabschätzung. Statt offen zu prüfen, ob eine Entwicklung überhaupt verwirklicht werden sollte, beschränkt sie sich leicht darauf, negative Folgen einer grundsätzlich bereits beschlossenen Entwicklung zu begrenzen. Aus Technikfolgenabschätzung wird dann Technikfolgenmanagement. Man fragt nicht mehr, ob eine bestimmte Richtung sinnvoll ist, sondern vor allem, wie sie möglichst reibungslos fortgesetzt werden kann.
Das amerikanische OTA – wenn unabhängige Bewertung unbequem wird
Das amerikanische Office of Technology Assessment ist für mich ein besonders aufschlussreiches Beispiel. Das OTA wurde 1972 gegründet, um den Kongress unabhängig über die möglichen Folgen neuer wissenschaftlicher und technischer Entwicklungen zu informieren. Über mehr als zwei Jahrzehnte entstanden Hunderte von Untersuchungen zu Energie, Gesundheit, Umwelt, Verteidigung, Informations- und Biotechnologien.
1995 wurde dem OTA die Finanzierung entzogen. Offiziell geschah dies im Rahmen von Sparmaßnahmen und Bestrebungen, den Kongress und seine Einrichtungen zu verkleinern. Diese offizielle Begründung ist historisch dokumentiert und sollte nicht einfach beiseitegeschoben werden. Dennoch halte ich es für zu kurz gegriffen, das Ende des OTA nur als finanzielle Entscheidung zu verstehen.
Eine Institution, die technische Entwicklungen unabhängig untersucht, kann zwangsläufig zu Ergebnissen kommen, die wirtschaftlich mächtigen Akteuren nicht gefallen. Sie kann auf Folgekosten hinweisen, Regulierung empfehlen oder politische Zweifel an Technologien verstärken, in die bereits erhebliche Investitionen geflossen sind. Eine solche Einrichtung wird dort unbequem, wo ihre Arbeit nicht nur bestätigt, sondern begrenzt.
Ich halte es deshalb für plausibel, dass wirtschaftlicher und politischer Druck auf das OTA eine wichtige Rolle im Umfeld seiner Abschaffung spielte, auch wenn sich die verkürzte Aussage, es sei ausschließlich auf direkten Druck der Industrie geschlossen worden, nicht sauber belegen lässt. Entscheidend ist für mich die Struktur dahinter: Eine wirklich unabhängige Technikfolgenabschätzung kann in Konflikt mit den Interessen jener geraten, die von einer möglichst schnellen technischen Verwertung profitieren.
Gerade darin liegt ein Grundproblem. Solange Folgenabschätzung dazu dient, Innovation sicherer und gesellschaftlich akzeptabler zu machen, wird sie häufig begrüßt. Sobald sie jedoch zu dem Ergebnis kommen könnte, eine profitable Technologie müsse begrenzt oder auf sie sogar verzichtet werden, berührt sie unmittelbar wirtschaftliche Macht.
Deutschland und Europa – zwischen Verantwortung und Konkurrenz
Auch in Deutschland und Europa wurde Technikfolgenabschätzung institutionell verankert. Das TAB besteht seit 1990 und hat im Laufe der Jahre zahlreiche gesellschaftlich bedeutsame Themen untersucht. Das ist zweifellos ein Fortschritt gegenüber einer Entwicklungspolitik, die ausschließlich auf technische Machbarkeit setzt.
Trotzdem bleibt die entscheidende Frage, wie weit eine solche Folgenabschätzung tatsächlich reichen kann. Deutschland und Europa stehen im Wettbewerb mit den Vereinigten Staaten, China und anderen Wirtschaftsregionen. Unternehmen konkurrieren weltweit, Staaten um Investitionen, Arbeitsplätze und technologische Führungspositionen. Sobald strengere Regeln oder der Verzicht auf eine bestimmte Technik als Wettbewerbsnachteil erscheinen, entsteht politischer Druck.
Die Argumentation ist immer ähnlich: Wenn wir eine Entwicklung begrenzen, während andere sie vorantreiben, verlieren unsere Unternehmen Marktanteile. Wenn wir höhere Anforderungen stellen, wandern Investitionen ab. Wenn wir eine Technologie nicht nutzen, verlieren wir den Anschluss.
Diese Argumente sind nicht frei erfunden. Internationale Konkurrenz ist real. Gerade darin liegt aber die eigentliche Schwierigkeit. Der Wettbewerb selbst wird zum Sachzwang, der den Raum politischer und moralischer Entscheidungen verengt.
Unter diesen Bedingungen hat auch die Industrie kaum ein Interesse an einer völlig offenen Technikfolgenabschätzung, die den grundsätzlichen Verzicht als ernsthafte Möglichkeit einschließt. Das ist nicht einfach eine Frage böser Absichten einzelner Unternehmer. Ein Unternehmen, das freiwillig auf eine profitable Technik verzichtet, während seine Konkurrenten sie einsetzen, kann sich selbst schwächen. Deshalb liegt das Problem tiefer: in einer Wirtschaftsordnung, in der Innovation und Wettbewerb so eng miteinander verbunden sind, dass gesellschaftliche Begrenzung schnell als ökonomische Selbstschädigung erscheint.
Eine wirkliche Technikfolgenabschätzung müsste aber genau an diesem Punkt ansetzen. Sie müsste nicht nur fragen, wie eine Technik sicherer gestaltet werden kann, sondern auch, welche gesellschaftlichen Ziele überhaupt verfolgt werden sollen. Sonst bleibt der technische Weg weitgehend vorgegeben und die Politik darf nur noch die Nebenwirkungen verwalten.
Technischer Fortschritt ist nicht menschlicher Fortschritt
Technischer Fortschritt hat unser Leben in vieler Hinsicht verbessert. Die moderne Medizin rettet Leben. Maschinen haben schwere körperliche Arbeit übernommen. Kommunikation über große Entfernungen ist selbstverständlich geworden. Wissen ist in einem Umfang verfügbar, der für frühere Generationen kaum vorstellbar war. Eine grundsätzliche Ablehnung technischer Entwicklung wäre deshalb weder vernünftig noch wünschenswert.
Problematisch wird es dort, wo technischer Fortschritt automatisch mit menschlichem Fortschritt gleichgesetzt wird. Eine leistungsfähigere Waffe kann technisch hochentwickelt sein und menschlich dennoch einen Rückschritt darstellen. Ein Überwachungssystem kann immer genauer arbeiten und zugleich Freiheit einschränken. Ein Algorithmus kann Verhalten besser vorhersagen und dadurch zugleich neue Möglichkeiten der Beeinflussung schaffen.
Technischer Fortschritt beschreibt zunächst nur eine Erweiterung des Machbaren. Menschlicher Fortschritt braucht dagegen einen Maßstab. Für mich zeigt er sich darin, ob Menschen freier und selbstständiger leben können, ob Würde geschützt wird, ob soziale Gerechtigkeit zunimmt und ob Menschen einander noch als Mitmenschen wahrnehmen.
Technik selbst kann diese Maßstäbe nicht hervorbringen. Sie kennt keine Menschenwürde. Sie besitzt kein Verständnis von Gerechtigkeit und keine Vorstellung davon, wie eine lebenswerte Gesellschaft aussehen sollte. Diese Bewertung bleibt unsere Aufgabe.
Gerade deshalb halte ich die verbreitete Gleichsetzung von Innovation und Fortschritt für gefährlich. Neu bedeutet nicht automatisch besser. Schneller bedeutet nicht automatisch menschlicher. Effizienter bedeutet nicht automatisch gerechter. Eine Gesellschaft kann technisch hochentwickelt sein und zugleich soziale Beziehungen schwächen, Abhängigkeiten vergrößern und Macht konzentrieren.
Die Pandemie als Beschleuniger
Die Corona-Pandemie hat diesen Zusammenhang besonders deutlich gemacht. Innerhalb kürzester Zeit wurden digitale Systeme in Bereiche eingeführt oder stark ausgeweitet, in denen Veränderungen unter normalen Bedingungen vermutlich wesentlich langsamer erfolgt wären. Schulen wechselten in den Distanzunterricht, Beschäftigte ins Homeoffice, Besprechungen wurden zu Videokonferenzen und digitale Nachweise erhielten im öffentlichen Leben eine neue Bedeutung.
Vieles davon war in der konkreten Situation sinnvoll und teilweise unverzichtbar. Die Pandemie hat gezeigt, welchen Nutzen moderne Technik in einer Krise entfalten kann. Sie hat aber ebenso gezeigt, wie schnell sich gesellschaftliche Gewohnheiten verändern können, wenn eine außergewöhnliche Situation rasches Handeln verlangt.
Gerade deshalb ist die Zeit danach entscheidend. Technische Infrastrukturen verschwinden nicht automatisch, wenn der Anlass ihrer Einführung endet. Was einmal eingerichtet wurde, kann für neue Zwecke verwendet werden. Daten, die erhoben werden können, erzeugen neue Interessen. Aus vorübergehenden Lösungen können dauerhafte Gewohnheiten entstehen.
Eine demokratische Gesellschaft muss deshalb nach einer Krise in der Lage sein, ihre eigenen Entscheidungen noch einmal zu prüfen. Das ist keine Ablehnung von Wissenschaft und auch keine pauschale Kritik an den damaligen Maßnahmen. Es ist eine notwendige Form gesellschaftlicher Selbstkontrolle.
Technikfolgenabschätzung müsste genau hier ansetzen. Sie sollte nicht erst dann beginnen, wenn Schäden offensichtlich geworden sind. Sie sollte frühzeitig untersuchen, welche langfristigen Veränderungen aus technischen Lösungen entstehen können und welche davon wir tatsächlich wollen.
Die Macht des Machbaren
Ein Grundproblem unserer Zeit liegt darin, dass technische Entwicklung häufig als unvermeidbar dargestellt wird. Was entwickelt werden kann, wird entwickelt. Was wirtschaftlich nutzbar ist, wird früher oder später eingesetzt. Was einen Wettbewerbsvorteil verspricht, kann kaum freiwillig aufgegeben werden.
So entsteht ein Sachzwang, den wir selbst erzeugt haben. Der Mensch entwickelt technische Möglichkeiten und erklärt anschließend, er könne sich ihrer Nutzung nicht mehr entziehen.
Dabei ist Technik kein Naturereignis. Menschen entscheiden, welche Forschung finanziert wird, welche Produkte auf den Markt kommen und welche Regeln gelten. Wenn später behauptet wird, eine Entwicklung sei alternativlos, werden diese Entscheidungen unsichtbar.
Besonders deutlich zeigt sich dies in der digitalen Wirtschaft. Plattformen können wirtschaftlich gerade dann besonders erfolgreich sein, wenn sie Menschen möglichst lange an sich binden. Aufmerksamkeit wird zur Ware, Verhalten wird analysiert und Daten werden wirtschaftlich verwertet. Für das Unternehmen ist intensive Nutzung ein Erfolg. Für den einzelnen Menschen kann dieselbe intensive Nutzung zur Belastung werden.
Damit zeigt sich erneut, dass wirtschaftlicher Erfolg kein ausreichender Maßstab für gesellschaftlichen Fortschritt ist. Der Markt kann darüber entscheiden, ob ein Produkt verkauft wird. Er kann aber nicht allein entscheiden, welche Folgen für Freiheit, Selbstständigkeit oder Demokratie akzeptabel sind.
Deshalb braucht es Regeln, Grenzen und unabhängige Bewertung. Technikfolgenabschätzung darf nicht nur beratendes Beiwerk sein. Dort, wo erhebliche gesellschaftliche Risiken erkennbar werden, müssen aus ihren Erkenntnissen auch politische Konsequenzen folgen können.
Nicht alles Machbare muss Wirklichkeit werden
Am Ende führt die gesamte Diskussion zu einem einfachen, aber weitreichenden Grundsatz: Nicht alles, was technisch möglich ist, muss auch verwirklicht werden.
Dieser Satz klingt selbstverständlich. Tatsächlich widerspricht er jedoch einer tief verankerten Logik unserer Zeit. Innovation gilt fast immer als Fortschritt, Verzicht dagegen schnell als Rückständigkeit. Technologische Führerschaft wird zum politischen Ziel, noch bevor geklärt ist, welchem gesellschaftlichen Zweck eine Entwicklung dienen soll.
Eine reife Gesellschaft müsste gerade die Fähigkeit besitzen, bewusst Grenzen zu setzen. Sie kann sich gegen bestimmte Formen der Überwachung entscheiden, obwohl sie technisch möglich wären. Sie kann Datenerhebung begrenzen. Sie kann Entscheidungen bewusst beim Menschen belassen, obwohl ein Algorithmus schneller wäre. Und sie kann eine Technologie zurückweisen, wenn ihre langfristigen gesellschaftlichen Risiken ihren Nutzen übersteigen.
Ein solcher Verzicht wäre kein Scheitern des Fortschritts. Er könnte selbst Fortschritt sein.
Denn Freiheit besteht nicht darin, jede Möglichkeit nutzen zu müssen. Freiheit zeigt sich auch darin, auf Möglichkeiten verzichten zu können.
Dafür benötigen wir einen anderen Fortschrittsbegriff. Fortschritt darf nicht nur in Geschwindigkeit, Produktivität, Datenmengen, Wachstum und Automatisierung gemessen werden. Entscheidend ist, welche Auswirkungen eine Entwicklung auf den Menschen hat.
Zu den Maßstäben gehören für mich Freiheit und Selbstständigkeit, Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Verantwortung. Technik muss sich an diesen Werten messen lassen – nicht der Mensch an den Anforderungen der Technik.
Schluss
Vor rund dreißig Jahren erschien mir Technologiefolgenabschätzung wichtig genug, um dafür einen eigenen Aufsatz und einen Lehrplan für ein ganzes Semester zu entwickeln. Heute, im Jahr 2022, erscheint mir dieser Gedanke noch dringlicher.
Die Pandemie hat gezeigt, wie schnell technische Systeme unseren Alltag und gesellschaftliche Strukturen verändern können. Gleichzeitig zeigen OTA und TAB, dass die Notwendigkeit einer unabhängigen Bewertung technologischer Entwicklungen grundsätzlich erkannt wurde. Doch ebenso deutlich wird, wie schwierig eine wirklich offene Folgenabschätzung unter den Bedingungen wirtschaftlicher Konkurrenz ist.
Eine Technikfolgenabschätzung, die tatsächlich den Verzicht als Möglichkeit einschließt, wird zwangsläufig dort auf Widerstand stoßen, wo wirtschaftliche Interessen berührt werden. Genau deshalb braucht sie politische Unabhängigkeit und gesellschaftliches Gewicht.
Technik kann Krankheiten bekämpfen, Arbeit erleichtern, Wissen verbreiten und menschliche Möglichkeiten erweitern. Sie ist eines der mächtigsten Werkzeuge, die wir geschaffen haben. Gerade deshalb dürfen wir ihre Richtung nicht allein dem Markt, der internationalen Konkurrenz oder der Eigendynamik des Machbaren überlassen.
Nicht jede Innovation ist ein Fortschritt. Nicht jede Beschleunigung ist eine Verbesserung. Nicht jede technische Möglichkeit dient dem Menschen.
Manchmal besteht Fortschritt gerade darin, eine Möglichkeit bewusst nicht auszuschöpfen. Nicht aus Angst vor Technik, sondern aus Verantwortung für den Menschen und für kommende Generationen.
Technischer Fortschritt braucht ein Ziel. Dieses Ziel darf nicht die immer leistungsfähigere Technik sein. Es muss eine freie, gerechte und menschliche Gesellschaft sein.
(Dr. Thielen 2022)
Quellen und weiterführende Literatur
Deutscher Bundestag: Technikfolgenabschätzung (TA). Aufgaben und Arbeitsweise der parlamentarischen Technikfolgenabschätzung und des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB).
Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB): Aufgaben, Arbeitsweise und Geschichte der parlamentarischen Technikfolgenabschätzung; seit 1990 tätig.
Congressional Research Service: The Office of Technology Assessment: History, Authorities, Issues, and Options. Zur Geschichte des 1972 gegründeten OTA und zur Einstellung seiner Finanzierung 1995.
Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt am Main 1979.
Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main 1986.