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Der mündige Mensch in der digitalen Schule

Kritikfähigkeit, Emanzipation und Verantwortung im Zeitalter Künstlicher Intelligenz

Dr. H. T. Thielen

Inhalt

  1. Die Schule vor der digitalen Transformation
  2. Was Bildung vom bloßen Wissen unterscheidet
  3. Die Verheißung der KI-Schule
  4. Die neue digitale Unmündigkeit
  5. Der Schüler als Datenprofil
  6. Lehrer, Beziehung und Anerkennung
  7. Grundsätze einer humanen Schule der Zukunft
  8. Der mündige Mensch als Maßstab

Abstract

Der Aufsatz untersucht die Frage, wie Schule im Zeitalter Künstlicher Intelligenz gestaltet werden kann, ohne ihren humanen Bildungsauftrag zu verlieren. Im Mittelpunkt steht die These, dass technischer Fortschritt nicht mit menschlichem Fortschritt gleichgesetzt werden darf. Zwar eröffnet Künstliche Intelligenz neue Möglichkeiten der individuellen Förderung, der Entlastung von Lehrkräften und des Zugangs zu Wissen, zugleich birgt sie jedoch die Gefahr neuer Formen geistiger Abhängigkeit, algorithmischer Steuerung und sozialer Selektion. Der Text argumentiert, dass Schule historisch nie ein machtfreier Raum war, sondern stets auch der Stabilisierung gesellschaftlicher Verhältnisse diente. Vor diesem Hintergrund werden die Leitbegriffe Kritikfähigkeit, Emanzipation und Verantwortung als grundlegende Maßstäbe zukünftiger Bildung entfaltet. Kritikfähigkeit meint die Fähigkeit, Informationen, Normen und technische Systeme in ihren Voraussetzungen und Interessen zu prüfen. Emanzipation bezeichnet die Befähigung, sich aus geistiger und gesellschaftlicher Fremdbestimmung zu lösen und eigene Urteile sowie Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Verantwortung verlangt, Entscheidungen nicht an Systeme oder Algorithmen zu delegieren, sondern für deren Ziele und Folgen einzustehen. Daraus ergibt sich die Forderung nach einer humanen Schule, in der Künstliche Intelligenz den Menschen unterstützt, ohne ihn zu ersetzen, und in der Bildung nicht auf Optimierung, Verwertbarkeit und Anpassung reduziert wird. Ziel der Schule bleibt der mündige Mensch, der selbst denken, widersprechen und die gesellschaftliche Zukunft verantwortlich mitgestalten kann.

(H. Thielen, Erstfassung 2016, überarbeitet und erweitert 2025)

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Nachtrag

Die Grenzen pädagogischer Hoffnung in einer Gesellschaft des Egoismus

Je länger man über die hohen Ziele von Kritikfähigkeit, Emanzipation und Verantwortung nachdenkt, desto deutlicher wird, dass sie nicht nur durch technische Entwicklungen bedroht sind. Ihre eigentliche Begrenzung liegt tiefer. Sie liegt in einer Gesellschaft, deren grundlegende Strukturen diesen Zielen vielfach entgegenstehen.

Pädagogik spricht vom mündigen Menschen. Die gesellschaftliche Wirklichkeit verlangt jedoch häufig den angepassten, leistungsfähigen und verwertbaren Menschen. Schule soll Kritikfähigkeit fördern, während wirtschaftliche, politische und mediale Systeme zugleich davon leben, dass Menschen vorgegebene Bedürfnisse, Bewertungen und Deutungen möglichst widerspruchslos übernehmen. Sie soll zur Emanzipation beitragen, obwohl gesellschaftlicher Erfolg weitgehend daran gemessen wird, wie gut sich jemand innerhalb bestehender Verhältnisse behauptet. Sie soll Verantwortung vermitteln, während Entscheidungen zunehmend an Institutionen, Märkte, Verwaltungen und technische Systeme abgegeben werden.

Damit geraten die pädagogischen Ideale in einen grundlegenden Widerspruch zur gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Wir leben in einer Zeit, in der das Streben nach immer mehr Besitz, Einfluss, Aufmerksamkeit und persönlichem Vorteil zu einem bestimmenden Maßstab geworden ist. Erfolg wird nicht danach beurteilt, welchen Beitrag ein Mensch zum gemeinsamen Leben leistet, sondern danach, was er erreicht, besitzt und gegenüber anderen durchgesetzt hat. Der Wert eines Menschen wird zunehmend mit seiner Leistung, seiner Sichtbarkeit, seinem Einkommen oder seiner wirtschaftlichen Verwertbarkeit verbunden.

Der andere erscheint unter diesen Bedingungen nicht mehr zuerst als Mitmensch. Er erscheint als Konkurrent, als jemand, mit dem man um Möglichkeiten, Anerkennung, Arbeitsplätze, Einfluss und gesellschaftliche Stellung kämpfen muss. Er wird zum Hindernis für den eigenen Aufstieg oder zum Mittel für den eigenen Erfolg.

Eine solche Gesellschaft kann zwar von Solidarität sprechen. Ihre tatsächlichen Strukturen fördern jedoch häufig Konkurrenz, Abgrenzung und Egoismus. Schon Kinder erfahren früh, dass sie miteinander verglichen werden. Noten, Empfehlungen, Abschlüsse und Bildungswege ordnen sie in Rangfolgen ein. Sie lernen, dass der Erfolg des einen häufig mit dem Zurückbleiben des anderen verbunden ist.

Unter diesen Bedingungen bleibt die Forderung nach Verantwortung leicht abstrakt. Denn Verantwortung setzt voraus, dass Menschen sich als Teil einer gemeinsamen Welt begreifen. Sie verlangt die Einsicht, dass das eigene Handeln Folgen für andere besitzt und dass Freiheit nicht darin bestehen kann, den eigenen Vorteil ohne Rücksicht auf andere zu maximieren.

Eine Gesellschaft des Egoismus vermittelt jedoch eine andere Botschaft: Sorge zuerst für dich selbst. Setze dich durch. Nutze deine Möglichkeiten. Vermeide Nachteile. Überlasse die Folgen den anderen.

Auch Emanzipation verliert unter solchen Bedingungen ihren ursprünglichen Sinn. Sie wird leicht mit individueller Selbstverwirklichung verwechselt. Der Einzelne soll sich von Einschränkungen befreien, um seine persönlichen Ziele erfolgreicher verfolgen zu können. Doch das ist noch keine Emanzipation im pädagogischen und gesellschaftlichen Sinn.

Emanzipation bedeutet nicht nur, dass der Einzelne mehr Möglichkeiten für sich gewinnt. Sie bedeutet auch, jene Verhältnisse zu erkennen und zu verändern, die Menschen voneinander trennen, beherrschen und in Konkurrenz zwingen.

Eine rein individualistische Vorstellung von Freiheit kann deshalb selbst zum Bestandteil der bestehenden Ordnung werden. Der Mensch glaubt, frei zu sein, weil er zwischen Angeboten wählen, seinen Lebensstil gestalten und persönliche Ziele verfolgen kann. Gleichzeitig bleiben die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen diese Entscheidungen getroffen werden, weitgehend unangetastet.

Auch Kritikfähigkeit stößt hier an Grenzen. Sie wird von Schule und Gesellschaft häufig nur so lange begrüßt, wie sie sich auf einzelne Sachfragen beschränkt. Kritisches Denken gilt als wertvoll, wenn es Probleme effizienter löst, technische Verfahren verbessert oder wirtschaftliche Prozesse optimiert.

Kritik wird jedoch unbequem, wenn sie die Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung betrifft: wenn gefragt wird, warum Konkurrenz wichtiger ist als Zusammenarbeit, warum Besitz mehr Anerkennung verschafft als Mitmenschlichkeit, warum wirtschaftliches Wachstum als nahezu selbstverständliches Ziel gilt, warum Menschen nach ihrer Verwertbarkeit beurteilt werden und warum immer mehr produziert und konsumiert werden muss, obwohl die sozialen und ökologischen Folgen längst sichtbar sind.

Eine Pädagogik, die solche Fragen wirklich zulässt, gerät zwangsläufig in Konflikt mit den Mächten, denen Schule bisher gedient hat. Sie würde nicht mehr nur Schüler auf die Gesellschaft vorbereiten. Sie würde ihnen ermöglichen, die Gesellschaft selbst infrage zu stellen.

Gerade deshalb erscheint die Hoffnung, Schule könne durch bessere pädagogische Konzepte allein eine menschlichere Gesellschaft hervorbringen, zunehmend blauäugig.

Schule ist kein abgeschlossener Raum außerhalb der Gesellschaft. Sie kann nicht dauerhaft Werte verwirklichen, die in der übrigen Gesellschaft systematisch entwertet werden. Sie kann Zusammenarbeit fördern, während außerhalb der Schule Konkurrenz belohnt wird. Sie kann Solidarität vermitteln, während gesellschaftlicher Erfolg vom persönlichen Vorteil abhängt. Sie kann Verantwortung fordern, während wirtschaftliche und politische Akteure Verantwortung auf Systeme, Sachzwänge oder Märkte abschieben.

Kinder und Jugendliche nehmen diese Widersprüche wahr. Sie hören, dass jeder Mensch gleichwertig sei, erleben aber, dass Menschen nach Herkunft, Besitz, Leistung und gesellschaftlichem Nutzen unterschiedlich behandelt werden. Sie hören, dass Rücksichtnahme wichtig sei, beobachten jedoch, dass Rücksichtslosigkeit häufig erfolgreicher ist. Sie hören, dass Verantwortung übernommen werden müsse, sehen aber, wie mächtige Akteure die Folgen ihres Handelns anderen überlassen.

Pädagogische Glaubwürdigkeit zerbricht dort, wo die verkündeten Werte im gesellschaftlichen Alltag keine Gültigkeit besitzen.

Künstliche Intelligenz verschärft diesen Widerspruch. Sie tritt nicht in eine humane Gesellschaft ein, die lediglich vor technischen Gefahren geschützt werden müsste. Sie wird in eine Ordnung eingeführt, die bereits von Konkurrenz, Kontrolle, Verwertbarkeit und Macht geprägt ist.

Deshalb ist zu erwarten, dass KI nicht zuerst danach eingesetzt wird, wie sie Mündigkeit, Mitmenschlichkeit und Verantwortung fördern kann. Entscheidend wird vielfach sein, ob sie Kosten senkt, Leistung steigert, Verhalten vorhersagbarer macht und Menschen effizienter an bestehende Anforderungen anpasst.

Die technische Entwicklung folgt damit derselben gesellschaftlichen Logik, die bereits die Schule geprägt hat: Der Schüler wird genauer vermessen. Der Lehrer wird stärker kontrolliert. Lernen wird effizienter organisiert. Leistung wird umfassender ausgewertet. Der Mensch wird berechenbarer.

Eine humane Nutzung von KI ist zwar denkbar. Doch sie lässt sich nicht allein durch pädagogische Appelle verwirklichen. Sie verlangt eine Veränderung der gesellschaftlichen Maßstäbe selbst.

Solange Besitz mehr zählt als Beziehung, Konkurrenz mehr als Solidarität und persönlicher Vorteil mehr als gemeinsame Verantwortung, bleiben Kritikfähigkeit, Emanzipation und Verantwortung gefährdete Ideale.

Sie sind deshalb nicht bedeutungslos. Im Gegenteil: Gerade weil die gesellschaftliche Wirklichkeit ihnen widerspricht, werden sie notwendig. Doch sie dürfen nicht länger als Ziele betrachtet werden, die Schule innerhalb der bestehenden Ordnung problemlos verwirklichen könnte. Sie sind vielmehr Gegenbegriffe zu dieser Ordnung.

Kritikfähigkeit bedeutet dann, die herrschenden Maßstäbe nicht als selbstverständlich hinzunehmen. Emanzipation bedeutet, sich aus Verhältnissen zu lösen, die Menschen gegeneinander stellen und auf ihren Nutzen reduzieren. Verantwortung bedeutet, den anderen wieder als Mitmenschen anzuerkennen und das gemeinsame Leben nicht dem persönlichen Vorteil unterzuordnen.

Eine solche Pädagogik wäre nicht neutral. Sie wäre gesellschaftskritisch. Sie würde nicht nur Wissen vermitteln, sondern die Frage stellen, welche Form des Zusammenlebens dem Menschen gerecht wird. Sie würde nicht nur auf eine bestehende Zukunft vorbereiten, sondern die Möglichkeit einer anderen Zukunft offenhalten.

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Aufgabe von Bildung: nicht die Illusion zu erzeugen, Schule könne die Gesellschaft aus eigener Kraft verändern, sondern Menschen hervorzubringen, die den Widerspruch zwischen verkündeten Werten und gesellschaftlicher Wirklichkeit erkennen.

Menschen, die sich nicht damit abfinden, dass der andere nur Konkurrent, Gegner oder Mittel zum eigenen Zweck ist. Menschen, die trotz einer Gesellschaft des Egoismus an der Möglichkeit einer solidarischen, gerechten und menschlichen Ordnung festhalten.

Nicht aus Naivität, sondern aus der Einsicht, dass eine Gesellschaft, in der jeder nur für sich selbst kämpft, am Ende auch die Freiheit des Einzelnen zerstört.

(Dr. H. T. Thielen 2026)